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Newsletter #10

Schön, dass du da bist. Dieser Newsletter ist ziemlich voll. Aber er bietet genug Inhalt, um das Wochenende mit Sehen und Lesen zu verbringen. Von Rezensionen über Bücher und Ausstellungen bis hin zu Crowdfunding und meinem eigenen Podcast ist alles dabei. Viel passiert in den letzten Wochen. Mehr als hier reinpasst. Nach den schönen Reviews in Arles (siehe hier) war ich letztes Wochenende als Reviewer beim »follow up/FUTURES Day des Freundeskreises des Hauses der Photographie und das war toll. Mehr dazu weiter unten. Welche Arbeit ich von dort für den Newsletter mitgebracht habe, findet sich ebenfalls nach ein wenig Scrollen. Wer das hier mag, ist herzlich zu einer Spende eingeladen. Wer nicht spendet, darf es trotzdem mögen. Fühlt euch umarmt. Viel Spaß.

Reden, Atmen und Reviews

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Erinnerungen an das Fotografiestudium noch nicht von Romantisierung und Erinnerungskitsch geprägt. Aber auch 10 Jahre nach meinem Abschluss kann ich eines mit Sicherheit sagen: Ich habe meine Studienzeit hauptsächlich damit verbracht, über Fotografie zu reden (und natürlich zu fotografieren). Zumindest war ich mir nicht zu schade, mich in jeder Vorlesung und zu jeder Arbeit zu äußern.

Es soll ehemalige Kommilitonen und Kommilitoninnen geben, deren Abneigung mir gegenüber deswegen bis heute anhält. Sorry. Ich wollte nichts Böses. Das Fotografiestudium bietet einen so tollen Rahmen, um nicht nur den Umgang mit der eigenen Arbeit zu lernen und zu erproben, sondern auch die Arbeit anderer zu reflektieren. Gerade während des Studiums kann man unglaublich viel von anderen lernen. Das muss man aber auch zulassen wollen. Und man kommt nicht um das Reden und Zuhören herum. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie es manche geschafft haben, ihr Studium fast ohne einen gesprochenen Satz zu beenden. Reden und Zuhören ist wie Atmen für das Gehirn. Wer nur denkt, hält höchstens die Luft an. Man kann daran zugrunde gehen oder einfach implodieren.

Es gibt so vieles, über das man reden kann. Zum Beispiel über die Motivation, das Fotografische zu nutzen, um Dinge und Themen sichtbar zu machen und zu visualisieren.
Wer sich dabei ausschließlich auf die fotografische Technik verlässt und diese als Grundmotivation für die Bildproduktion heranzieht, dürfte nur in Ausnahmefällen (Bsp. Harold Edgerton) etwas Interessantes schaffen. Für mich ist die Auseinandersetzung mit der Motivation inzwischen der erste Ansatzpunkt, wenn ich neue Arbeiten suche oder entdecke. Es soll schon vorgekommen sein, dass im Text zu einem Werk viel Inhalt vermittelt wird, aber die einzige Motivation, die man in den Bildern findet, ist dann zum Beispiel (sehr überspitzt) folgende: Ich wollte einfach mal schöne Porträts machen. Meistens muss man aber doch ziemlich tief bohren, um zum Kern einer Arbeit vorzudringen.

Während man im Studium bestenfalls bei der Entstehung einer Arbeit dabei sein kann, bieten (Portfolio-)Reviews oft nur die Möglichkeit, sich in sehr kurzer Zeit einen Eindruck von einer Künstler*in und/oder einer Arbeit zu machen. Da muss die Motivation schon klar auf dem Tisch liegen oder in 2 Sätzen verständlich zusammengefasst werden können.
Gleichzeitig bieten Portfolioreviews oft gewisse Fallstricke. Denn wer sich zu einem Portfolioreview anmeldet, sollte den Grund und die eigene Motivation sehr genau kennen. Ohne konkrete Fragestellung oder Anliegen in ein Portfolioreview zu gehen, macht es den Reviewenden unnötig schwer.
Mein Gefühl sagt mir (wir reden oft miteinander, sind aber nicht immer einer Meinung), dass hier viele nicht den Mut haben, ganz genau zu formulieren, warum sie dieses Portfoliogespräch überhaupt wollen. Was wäre so schlimm daran zu sagen, dass man vielleicht einfach hofft, die gezeigten Arbeiten würde der Reviewerin oder dem Reviewer so gut gefallen, dass daraus ein zukünftiger Job, eine Ausstellung, eine Erwähnung, eine Empfehlung oder was auch immer resultiert. Um die Frage anzuschließen, was dafür oder dagegen sprechen würde. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass alle, die sich als Reviewer*innen beteiligen, dies tun, um in irgendeiner Form helfen zu können und gleichzeitig vielleicht noch gute, unbekannte Arbeiten zu entdecken. Dann könnte man eine wunderbare Diskussion führen. Auch in kurzer Zeit.

Der offene Portfoliowalk beim follow up/FUTURES Day. Foto: Anna Högerle

Genau das habe ich am vergangenen Wochenende getan und wunderbare Gespräche geführt. Der Freundeskreis des Hauses der Photographie veranstaltete in den Deichtorhallen den »follow up/FUTURES Day. Die erste Hälfte des Tages bestand aus durchschnittlich 5 individuellen Reviews/Gesprächen für alle Reviewer*innen, danach gab es auch für die Öffentlichkeit die Möglichkeit, an einem offenen Portfoliowalk teilzunehmen und die Arbeiten von rund 45 Künstler*innen und Fotograf*innen zu sichten. Anschließend stellten die »follow up Talente sich und ihre Arbeiten vor. Was »follow up und FUTURES ist, kann hier nachgelesen werden.
Dazwischen wurden auch drei Preisträgerinnen für das „Best Portfolio“ ausgezeichnet. Den ersten Platz belegte Julius Schien mit seiner Arbeit „Rechtes Land“, den zweiten Platz Elliott Kreyenberg und den dritten Platz Ana Maria Sales Prado (mehr zu ihrer Arbeit weiter unten). Durch und durch demokratisch und nach Mehrheitsstimmen gewählt (von 13 Reviewer*innen).
Ich habe an diesem Tag wirklich gute Arbeiten gesehen, nicht nur in den Einzelgesprächen. Einiges habe ich mir notiert und einiges auch schon an mögliche Interessenten weitergeleitet. Aber damit nicht genug.

Inzwischen bin ich ebenso begeistert wie beeindruckt von dem, was der Freundeskreis in Hamburg auf die Beine stellt. Denn nach den Reviews und Portfolios gab es noch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Zur Zukunft der institutionellen Förderung: Neue Chancen und wie man sie am besten nutzt - Konzepte und Tipps“, die mehr als aufschlussreich war und sicherlich einen ganzen Tag hätte füllen können. Wann hört man sonst quasi nebenbei, wie viel Förder-/Preisgeld das Photo Elysée für Künstler*innen bereithält. 80000 CHF (ca. 85000 €) für Projektproduktion und Präsentation, nein, das ist kein Tippfehler. Allein die 8 Nominierten bekommen schon 5000 CHF, für die Nominierung. Ich meine, in den Reihen hinter mir sind die Leute vor lauter Schnappatmung von den Stühlen gefallen. Ich konnte es aber nicht sehen, weil mein offener Mund eine Körperstarre verursachte, die mich bewegungsunfähig machte. Achtzigtausend Euro. HAHAHAHA. Stark. Die Schweizer.

Aber auch abseits dieser Zahlen war die Diskussion sehr angenehm und wirklich jeder im Raum hörte aufmerksam zu. Bei einer Raumluftqualität, die nach so einem Tag sicher das Gegenteil von konzentrationsfördernd war. Ich bitte höflich darum, diese Runde so oder so ähnlich zu wiederholen. Sehr spannend. Dass zwischendurch noch eine tolle Führung durch die Ausstellung Tactics & Mythologies stattgefunden hat, wird an so einem Tag fast zur Randnotiz.
Und es scheint gar nicht so viel Geld zu brauchen, wenn der Freundeskreis des Hauses der Photographie mit naturgemäß kleinem Budget so einen schönen Tag organisiert. Hatte ein bisschen Festival-Feeling. Viele Leute, alle super, nett und gesprächig. Genau mein Ding. Communitybuilding at it’s best.

Ausstellungen und Events
bis zum 25.09.24

Die folgenden Empfehlungen und Nennungen speisen sich aus dem dieMotive-Veranstaltungskalender. Was eingetragen ist, kann auch genannt werden. Hier und auf Instagram.
Ab sofort ist der Eintrag auch mit Bildupload kostenlos.

Empfehlung

Joan Fontcuberta: What Darwin Missed

Wo: Alfred Ehrhardt Stiftung
Ort: Auguststr. 75, 10117, Berlin

Joan Fontcuberta, Testa abyssalis, 2024, © Joan

Die Ausstellung "Joan Fontcuberta: What Darwin Missed" zeigt eine neue, eigens für die Alfred Ehrhardt Stiftung konzipierte Werkserie mit rund 40 Arbeiten des international renommierten katalanischen Fotografen, Kurators, Essayisten und Dozenten Joan Fontcuberta (*1955). Bekannt ist der Künstler für sein Spiel mit dem Publikum und den Grenzen zwischen Realität und Fiktion. In seinen Arbeiten reflektiert er die Rolle der Fotografie bei der Darstellung von Wirklichkeit, wiederholt hat er sich kritisch, aber stets humorvoll provokativ mit dem Abbild in wissenschaftlichen Disziplinen wie Botanik oder Zoologie auseinandergesetzt.
Mehr Infos hier.

PHOTOGRAPHY.talks –
Stefanie Moshammer

25.10.24 – ab 19:00 Uhr
Wo: goethe exil
Ort: Goetheplatz 3a, 30169, Hannover,
Stefanie Moshammer wird über ihren Arbeitsprozess sprechen und stellt dabei Werkserien der letzten Jahre vor, u.a. die Arbeit WE LOVE OUR CUSTOMERS: „In We Love Our Customers erforscht Stefanie Moshammer Kleidung aus verschiedenen Blickwinkeln und spielt mit der Wahrnehmung unserer zeitgenössischen Konsumkultur und Markenbildern. Moshammer begann mit einer Online-Recherche und ließ sich von sogenannten „Shopping Haul“-Videos inspirieren, in denen Schnäppchenjäger ihre günstigen Fundstücke präsentieren. Anschließend begab sie sich auf eine Reise, um den Lebenszyklus von Kleidung zu untersuchen. Sie reiste in die USA, insbesondere nach New York, das für seinen übermäßigen Konsum bekannt ist, und später nach Haiti, wo ausrangierte westliche Kleidung entweder der lokalen Bevölkerung dient oder auf Mülldeponien landet. Mit den Materialien dieser Reisen sowie mit recycelten Materialien aus Europa arbeitete Moshammer an Fotografien und Installationen.“

STEFANIE MOSHAMMER (*1988) ist eine österreichische Künstlerin, die das fotografische Medium nutzt und dabei Rauminstallationen und textil-skulpturale Elemente integriert. Ihre Arbeit ist ein Zusammenspiel aus thematischen Untersuchungen und persönlichen Interpretationen. Dabei entwickelt Stefanie Moshammer visuelle Erzählungen und vermischt bewusst Vergangenheit und
Gegenwart, erforscht Stereotypen und kulturelle Mythen, oft mit einem Rückbezug auf das Private. Moshammer ist Autorin von fünf Fotobüchern und hat zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Ihre Arbeit wurde international in Galerien und Museen ausgestellt, unter anderem im Fotografiska NewYork, Foam Photography Museum Amsterdam, C/O Berlin, Webber Gallery London.

Am 15.11.24 geht es direkt weiter mit:

PHOTOGRAPHY. TALKS – Maria Sturm

Maria Sturm, geboren 1985 in Ploiești, Rumänien lebt seit 1991 in Deutschland ist oft umgezogen und hat gleich zweimal Fotografie studiert und mit Diplom und MFA an der FH Bielefeld und Rhode Island School of Design abgeschlossen.Maria beschäftigt sich in ihren freien Arbeiten mit Themen Rund um Identität und Zugehörigkeit. Arbeiten wie Be Good, For Birds’ Sake und You don’t look Native to me wurden mehrfach ausgezeichnet, gefördert, international veröffentlicht und ausgestellt: Von den Deichtorhallen über Addis Foto Fest zur Aperture Foundation. Vom Deutschlandradio über CNN bis The Guardian. Von Stiftung Kunstfonds über Innovationsfonds Kunst bis Fulbright und DAAD. Vom Daylight Photo Award, Center Santa Fe Directors Choice Award über Royal Photographic Society Award bis zum PH Museum Women Photographer Grant.Maria Sturm arbeitet auch im Auftrag u.a. für New York Times, Wall Street Journal und die Zeit und das Deutsche Theater Berlin und unterrichtet an der University of Europe.

Infos hier

FOTO – KUNST – FOTO

ERÖFFNUNG: 27.10.2024 um 11:30 Uhr
Wo: Clemens Sels Museum Neuss
Ort: Am Obertor, 41460, Neuss

Dührkoop, Kopf mit Heiligenschein 1907

Mit der Ausstellung »FOTO – KUNST – FOTO« erkundet das für seine Symbolismussammlung international renommierte Clemens Sels Museum Neuss erstmals in Deutschland die bedeutenden präraffaelitischen und symbolistischen Einflüsse auf die Geschichte der (Kunst-)Fotografie. Neben zahlreichen historischen Aufnahmen präsentiert die Schau zugleich malerische Tendenzen in der Fotografie der Gegenwart.
Mehr als 100 Werke von rund 45 Künstler*innen, darunter Julia Margaret Cameron (1815–1879), Gertrude Käsebier (1852–1934), Alfred Stieglitz (1864–1946), Edward Steichen (1879–1973), Eleanor Antin (*1935), Thomas Ruff (*1958) und Elger Esser (*1967) werden einen überraschenden und frischen Blick auf die Geschichte der (Kunst-)Fotografie bieten.
Die Eröffnung der Ausstellung, die mit maßgeblicher Unterstützung der Staatlichen Museen zu Berlin, Kunstbibliothek – Sammlung Fotografie und dem Museum für Angewandte Kunst und Gewerbe Hamburg realisiert werden konnte, findet am Sonntag, den 27. Oktober 2024, 11.30 Uhr statt.

Zur Ausstellung erscheint im Wienand Verlag ein reich bebilderter, rund 180 Seiten umfassender Katalog mit einem Vorwort von Uta Husmeier-Schirlitz und Texten von Ulrich Pohlmann, Wolfgang Ullrich, Ralph Goertz und Anita Hachmann.
Gefördert wird die Ausstellung durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, die Kunststiftung NRW, die Jubiläumsstiftung der Sparkasse Neuss und dem Verein der Freunde und Förderer Clemens Sels Museum Neuss.

Mehr Infos HIER.

Valentina Murabito. La donna del mare

Eröffnung 14.09.24 um 18 Uhr
Wo: 68projects by Kornfeld
Ort: Fasanenstraße 68, Berlin
Valentina Murabitos neueste Ausstellung “La donna del mare” lädt Besucher ein, die tiefen Verbindungen zwischen Mythologie, Natur und der menschlichen Existenz durch ihre ausgeklügelten Foto-Skulpturen zu erkunden. Inspiriert von Henrik Ibsens Stück “Die Frau vom Meer” interpretiert Murabito Themen wie Freiheit, Sehnsucht und Instinkt neu und verbindet sie mit griechischer Mythologie und politischer Philosophie. Ihre innovative analoge Fototechnik erschafft dreidimensionale, surreale Werke, die die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischen. Welche Rolle spielen antike Mythen in unserem Verständnis der modernen Existenz?

Ausstellung: 1. November 2024–18 Januar 2025, Di – Sa, 11–18 Uhr
68projects by KORNFELD, Fasanenstr. 68, 10719 Berlin

Mehr infos hier.

Portfolio

Ana Maria Sales Prado

Ana war eine der Künstler*innen, der ich während des oben genannten Follow-Up Futures Day in den Deichtorhallen als Reviewer gegenüber saß. Dass ich sie an dieser Stelle besonders erwähne, hat einen einfachen Grund: Sie zeigte mir eine Arbeit, bei der mich das Lesen des Konzepttextes oder einer kurzen Inhaltsangabe wahrscheinlich nicht dazu gebracht hätte, tiefer in die Materie einzusteigen oder das Buch anzuschauen. Aber jetzt lag es vor mir auf dem Tisch und nach 5 Sätzen und 10 Sekunden Blättern war ich voll drin. It is the aura of my fingers that sees the egg" heißt die Arbeit von Ana Maria. Und es geht, kurz gesagt, um ihre Identität und Herkunft, um die Narrative, die sich durch die Vergangenheit bis in die Gegenwart ziehen, um in Fingern, Händen und Haltungen sichtbar zu werden. Oder auch nicht. Man muss genau hinsehen, erkennen.
Nun wäre es ein Leichtes, die Worte Identität und Herkunft in den Bildern zu kaschieren oder zu verstecken und damit die Arbeit in die Unlesbarkeit zu treiben, um im Nachhinein alles mit Bedeutung aufladen zu können. Ana Maria Sales Prado hat all dies nicht getan, konsequent und geradlinig folgt sie sich selbst bei der Erforschung von Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Selbst wenn sie in den Bildern erscheint, betrachtet sie sich von außen. Auf eine Weise, die mich fühlen und sehen lässt. Man ist das ganze Buch über bei ihr. Archivmaterial, egal welcher Herkunft, wird nicht nur richtig dosiert und eingesetzt, Ana Maria hat auch einen Weg gefunden, digitales und verpixeltes Material sinnvoll zu integrieren. Ich weiß jetzt, wie schön Pixel sein können. Das Buch ist schon eine richtig gute Form, ich konnte ihr im Gespräch nur sagen, dass diese Arbeit als Teil einer thematischen Gruppenausstellung an der Wand sicher noch eine ganz andere und neue Wirkung entfalten kann. Viel mehr Rückmeldung konnte ich nicht geben. Wer also eine Ausstellung plant oder Platz hat, diese Arbeit einmal an der Wand auszuprobieren, möge sich bitte bei ihr melden. Folgerichtig wurde sie auch mit dem dritten Platz für das beste Portfolio ausgezeichnet.

Crowdfunding

Crowdfunding ist nach wie vor eine gute Möglichkeit, eigene Projekte zu finanzieren oder Geld für eine Buchproduktion zu sammeln. Spätestens während des Crowfundings für die erste (und einzige) Ausgabe des Magazins dieMotive wurde mir bewusst, welch harte und sehr stressige Arbeit eine Crowdfunding-Kampagne mit sich bringt. Deshalb werde ich an dieser Stelle in möglichst regelmäßiger Folge versuchen, erwähnenswerten fotografischen Projekten zu etwas mehr Öffentlichkeit zu verhelfen.

Fotobuch von Cihan Çakmak

noch bis 15.11.24
Eine Crowdfunding-Kampagne für eine Arbeit, die mir sehr am Herzen liegt. Nicht nur, dass ich Cihan noch aus meiner Studienzeit in Dortmund kenne und mit dem Verlag Shift Books durch die Arbeit mit Helena Melikov in der Sektion Bild der DGPh in Kontakt stehe, die Arbeit selbst ist sehr unterstützenswert. Gesellschaftlich hoch relevant und von einer Künstlerin, die ihre ganz eigene Sprache gefunden hat. Hinzu kommt, dass Cihan hier Privates in einen größeren Kontext stellt. Dass sie eine gute Fotografin ist, sollte niemand bezweifeln. Alles ist unterstützenswert, das Buch, die Künstlerin und der Mensch. Ich glaube, es ist ihr erstes Buch, was mich fast ein bisschen überrascht. Cihan macht schon lange so gute Arbeit. Aber seht selbst.

Eine kurdisch-deutsche Perspektive auf Selbstbestimmung, Trauma und Sehnsucht – festgehalten in Fotografien und Träumen.

Das Fotobuch »We Look At Different People« der Künstlerin Cihan Çakmak widmet sich den Themen Selbstbestimmung, Trauma und Sehnsucht. Es enthält Selbstporträts sowie Fotografien, die über einen Zeitraum von sieben Jahren entstanden sind. Ergänzt wird es durch Zitate aus über 13 Jahren gesammelter Nachtträume, die gemeinsam die visuelle und erzählerische Sprache formen. Diese Publikation erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer kurdisch-deutschen Frau – eine Stimme, die in Deutschland bisher selten in dieser Form gehört wurde.

Dauer der Kampagne:
15.10 bis 15.11

Verlag:
SHIFT BOOKS

Link DE
https://www.startnext.com/cihan?newLanguage=de

Link EN
https://www.startnext.com/en/cihan

Fotobuch

Zwei Bücher - zwei Ansätze

OSTFLIMMERN und Die Anrufung der Riesin, beide Bücher erreichten mich fast gleichzeitig mit der Post. Inhaltlich sind beide Bücher völlig unterschiedlich. Beide sind keine klassischen Fotobücher, und doch spielt in beiden das Fotografische eine ganz immanente Rolle.

In OSTFLIMMERN von Annekathrin Kohout und Philipp Baumgarten geht es um die Generation der „Wende-Millennials“ und ihren Blick auf die eigene Vergangenheit und Gegenwart. Für mich, der ich im Westen des Westens aufgewachsen bin, per se interessant. Den Mauerfall habe ich als Kind gar nicht wahrgenommen. West und Ost waren auch in meiner Jugend keine Begriffe, die man einordnen konnte.

Was ich in dem Buch fand, war eine Form der Fotografie, die mich sonst eher selten begeistert. Trockene Dokumentarfotografie. Eigentlich. Ich kannte Philipp Baumgarten nicht, bis ich das Buch aufschlug. Schnell durchgeblättert, ein paar Texte gelesen, und schon war es um mich geschehen: Warum ist er nicht etwas bekannter? Was mir an dem Buch sofort positiv auffiel, war die leicht zu erfassende Kombination von Bild(ern) und Text. Bei jedem anderen Buch wird mir das schnell zu viel, da ich sofort vermute, dass man der Fotografie nicht ganz traut und deshalb möglichst viel Text braucht, um die verschlossenen Inhalte zu öffnen. Hier ist das Gegenteil der Fall. Die Texte sind durchgehend von den Fotografien inspiriert, und das merkt man. Als Beispiel sei die Doppelseite mit dem Text von Valerie Schönian „Und am Ende lagen sich die Zeitalter in Fetzen in den Armen“ genannt.
Das Einzelbild mit den Häusern, die sich zur Straße hin völlig verschließen und abwenden, ergibt zusammen mit dem Text ein Diptychon, das auch gerahmt an der Wand problemlos bestehen könnte. Man spürt es. Ganz zu schweigen von den Tableaus, die sich mehrmals auf die Seiten schleichen. Die Parkplätze der Supermärkte werden erst als Tableau richtig stark. Ich mag alles an diesem Buch. Fast alles. Ausgerechnet das Cover hat mich verwirrt. Es könnte sich auch um einen Jugendroman oder Filmplakat aus dem Jahr 2000 handeln. Das mag gewollt sein, hätte mich aber wahrscheinlich vom Kauf des Buches abgehalten. Zum Glück habe ich es aufgeschlagen. Toll

Zu beziehen bei https://www.mitteldeutscherverlag.de/kunst/alle-titel-kunst/baumgarten-kohout-hg-wendekinder-detail
Da ist das zweite Buch schon ganz anders unterwegs: Die Anrufung der Riesin von Autorin Lisa Krusche und Fotografin Jenny Schäfer ist ebenfalls als Kombination von Text und Bild zu lesen. Der Einband ist aus Leinen mit geprägtem Titel, aber sehr zart mit wohldosierter Typo und Gestaltung. Lisa Krusche setzt sich schonungslos mit ihren Selbstzweifeln auseinander. Teilweise aus Tagebucheinträgen zusammengesetzt, sind alle Texte ein Ringen mit sich selbst. „Ich will meine Abschottung und Verhärtung nicht weiter vorantreiben, mich nicht weiter erkälten müssen, bis ich mich in die Betriebstemperatur der Gesellschaft einfüge, ohne dabei noch etwas zu spüren.“ Gleichzeitig schwingt immer mit, dass es die Stimme einer ganzen Generation sein könnte, die endlich sagt: Mir geht’s auch scheiße. Das ist beeindruckend. Aber auch nicht leicht zu verdauen. Was dazwischen passiert, ist Fotografie. In ihrer reinsten Form und doch so komplex, dass man plötzlich gnadenlos an einer Felswand abprallt. Diese Bildbrocken von Jenny Schäfer zwischen den Textseiten sind nicht leicht zu entschlüsseln.
Vielleicht sind sie das, was Lisa Krusche manchmal gerne wäre: Eine Riesin aus Fels. Ich wünsche es ihr.

Zu beziehen bei https://www.starfruit-publications.de/buecher/riesin

Was sich über beide Bücher sagen lässt: Die Kombination von Text und Bild, die hierarchisch gleichberechtigt nebeneinander stehen, ist mehr als gelungen.
Dass ich beide fast gleichzeitig in der Hand halte, lese ich als Wink, dass diese Bücher in gewisser Weise auch ein Diptychon sind.

Eigene Sachen

Die aktuelle Podcastepisode mit Maren Lübbke-Tidow findet ihr hier und bei Spotify und Apple und YouTube. Und auch sonst überall wo man Podcasts hören kann.

Sie erzählt, wie das Schreiben über Kunst und Fotografie ihr geholfen hat, ihre eigene Stimme zu finden und welche Entwicklungen ihre Arbeit prägen. Wir beleuchten die Bedeutung von Kontexten in der Fotografie, die Herausforderungen des Kuratierens in einer globalen Kunstlandschaft und die Verbindung von Text und Fotografie in aktuellen Diskursen. Und wie steht es um das Deutsche Fotoinstitut?
Dies war der zehnte Newsletter.
Der nächste Newsletter erscheint. Bald.

Wer in irgendeiner Form mit mir/dieMotive kooperieren möchte, soll sich gerne melden. Ich kooperiere gerne. Und sonst was Maude sagt: Menschen sind meine eigene Spezies, die mag ich.
Bis dahin,

Liebe Grüße

Alex



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