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Newsletter #12
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Dieses Jahr neigt sich nun wirklich dem Ende zu. Nein, es gibt jetzt keinen Rückblick mit den schönsten Anekdoten von Festivals, Ausstellungen oder anderen Veranstaltungen. Man sollte nicht so viel zurückblicken. Auch nicht, um auf Biegen und Brechen Inhalte für eine Veröffentlichung zu generieren. Jahresrückblicke, ach herrje. Na ja, meins ist es nicht. Trotzdem habe ich für den folgenden Text irgendwie zurückgeschaut. Den Impuls, das irgendwie nicht unkommentiert zu lassen, habe ich mir aufgehoben. Bitte nicht zu ernst nehmen. Zum großen Thema Werbefotografie gibt es zukünftig sicher noch etwas Ausführlicheres und weniger Sarkastisches zu lesen oder zu hören. Ist mir auch lieber, ein Ausblick. Habe ich schon daran erinnert, dass man dieMotive mit nur 3€ unterstützen kann? Nein? Kann man hier bei Steady. Und wer jetzt schon nicht mehr weiterliest, dem wünsche ich erholsame Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Dann geht es einfach weiter. Have Fun, Photography und einen Burger.
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Laut durch den Mund atmen
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Wer kennt sie nicht, die beiden Kaulitz-Schätzchen? Bill und Tom, Tom und Bill. Witzig sind sie ja schon, und ihrer eigenen Teenie-Band sind sie mittlerweile auch entwachsen. Nun stehen sie nicht selten für irgendetwas oder irgendjemanden vor einer Kamera oder sprechen in ein Mikrofon für ihren eigenen Podcast. Gehört habe ich den zwar noch nicht, aber er soll unterhaltsam und erfolgreich sein. Sei's drum.
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Im Mai (ja, schon eine ganze Weile her) dieses Jahres entdeckte ich ein großes Plakat in der U-Bahn. Werbung für eine noch größere Burger-Franchisekette. Bis hierhin nichts Ungewöhnliches. Doch mein Blick blieb an dem Foto hängen, und das Bild in meinem Kopf formte sich weiter, weil ich unweigerlich schmunzeln musste.
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Da stehen die beiden Rücken an Rücken und halten Tabletts in der Hand. Darauf: Burger, Getränkebecher und irgendetwas Frittiertes. Je länger ich das Bild betrachtete, desto absurder wurde das Ganze. Ich versuche jetzt zu erklären, warum.
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Ich habe in meinem Leben viel Zeit bei Werbeshootings verbracht, meist als Assistent. Über zehn Jahre habe ich unzähligen Werbe- und Modefotograf:innen im In- und Ausland assistiert. Dabei habe ich so viel gesehen und gehört, dass ich mich irgendwann von der Assistiererei verabschiedet habe. Zu verrückt wurden mir die Diskussionen und Entscheidungsprozesse am Set. Selbst als inhaltlich unbeteiligter konnte ich da oft nur innerlich den Kopf schütteln.
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Das bringt mich zurück zu den Kaulitz-Brüdern. Bei dieser Produktion wäre ich gerne dabei gewesen. Denn: Ich bin mir sicher, dass die Fotografin oder der Fotograf mit dem Bildfindungsprozess wenig zu tun hatte. Wie oft mir Fotograf:innen leidtaten für das, was sie da (für viel Geld) fotografieren mussten, kann ich nicht zählen.
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Im Werbebereich ist ein Großteil der gebuchten Fotograf:innen eigentlich nur noch für die saubere technische Umsetzung einer fertigen Idee oder eines Scribbles verantwortlich. Ja, das funktioniert hier sehr ähnlich wie bei der generativen Bildproduktion mittels KI. Aber egal. Zurück zu den Burger-Brothers.
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Da stehen sie nun mit ihren Tabletts und – ja, was genau machen sie? Schreien sie? Oder holen sie nur Luft, weil die Nasen verstopft sind? Irgendwie schräg. Es erinnert mich an die lachenden Salatfrauen. Interessanter als die Bildaussage (die es eigentlich nicht gibt) ist jedoch das Arrangement auf den Tabletts. Witzig.
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Man muss sich das Shooting vielleicht so vorstellen: Creative Director: „Ey, die bekommen beide den gleichen nichtssagenden Burger auf das Tablett, okay?“ Foodstyling: „Ja, gut, habe ich schon fertig, können wir drauflegen.“ CD: „Und bitte noch eine Burgerpappschachtel daneben! Und jeweils einen leeren Becher – das wird sonst zu schwer.“ Foodstyling: „Die Pappschachtel geöffnet oder geschlossen?“ CD: „Geschlossen, sonst ist das nur weiße Pappe, das sieht nicht aus.“ Kunde: „Ja, da kann man dann etwas von dem Grün auf der Schachtel sehen. Wir wollen ja auch ein bisschen nachhaltig wirken. Da reicht der grüne Streifen.“ Bill: „Das Tablett wird langsam schwer, ich muss deswegen schon durch den Mund atmen.“ CD: „Super, dann seht ihr voll aufgeregt aus, als würdet ihr schreien. Das wollten wir sowieso. Ihr seid super!“ Tom (leise zu Bill): „Boah, ist das ein Quatsch. Ich mag Burger gar nicht, aber deine Brille ist geil.“ Bill: „Egal, gibt Schotter. Und die Brille hat mir die Stylistin eben aufgesetzt. Ich frage gleich, ob ich die behalten kann.“
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Oder so ähnlich. Wer weiß das schon. Jedenfalls gibt es nun dieses Plakatmotiv, und ich lese die Story so: Bill und Tom servieren ihre Lieblingsburger bzw. das „Kaulitz-Menü“. Aha. Sollte mir in irgendeiner Burgerbraterei auf dieser Welt einmal jemand einen ausgepackten Burger auf einem Plastiktablett servieren, ich wäre empört. Besonders, da man ja nicht zwingend überhaupt eine Verpackung zum Burger bekommt. Oder kann man wählen? Schachtel oder Frittiertes? Und wie haben die den einen Burger so sauber aus der Schachtel bekommen? Respekt! Ich würde auf jeden Fall das Menü mit Verpackung bestellen – auch wenn ich gerne das frittierte Zeug dazu hätte. Auf den Strohhalm müsste ich dann wohl verzichten. Egal.
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Wir lernen: Es muss keinen Sinn machen, es darf lustig sein – nur nicht zu realitätsnah. Das kauft keiner. Ich bin noch immer in Gedanken bei dem Geräusch, das die beiden beim Öffnen ihrer Münder gemacht haben.
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Ausstellungen und Events bis zum 30.01.25
Die folgenden Empfehlungen und Nennungen speisen sich aus dem dieMotive-Veranstaltungskalender. Was eingetragen ist, kann auch genannt werden. Hier und auf Instagram. Ab sofort ist der Eintrag auch mit Bildupload kostenlos.
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Kilian Breier: Abstrakt Konkret – Materie Licht und Form
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Wo: Alfred Ehrhardt Stiftung
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Ort: Auguststr. 75, 10117, Berlin
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Kilian Breier, Ohne Titel (Blatt), undatiert, © Nachlass Kilian Breier, Hamburg/VG Bild-Kunst,
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In Zusammenarbeit mit dem Nachlass von Kilian Breier
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Im Rahmen des EMOP Berlin – European Month of Photography Die Alfred Ehrhardt Stiftung lädt zur Ausstellung „Kilian Breier: Abstrakt Konkret – Materie Licht und Form“, die das Werk des deutschen Fotoavantgardisten Kilian Breier (1931–2011) in den Fokus stellt. Breier gilt als einer der bedeutendsten experimentellen Fotokünstler der Nachkriegszeit. Die Ausstellung gewährt einen beispielhaften Einblick in seine künstlerische Entwicklung und zeigt, wie Breier die Fotografie als ein Medium verstand, das eigenständig Bilder erschafft.
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Breiers Werk ist geprägt von der Idee, dass Fotografie weit mehr ist als nur ein Mittel zur Abbildung der Wirklichkeit. Für ihn war sie eine Methode, Bilder zu generieren, die nicht das Offensichtliche zeigen, sondern eigenständige, oft abstrakte Bildwelten formen. Über Jahrzehnte erforschte er die Möglichkeiten, mit Licht, chemischen Prozessen und kameralosen Techniken Bilder zu erzeugen, die jenseits der traditionellen Fotografie existieren.
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Von der Natur zur Abstraktion: Der Weg eines Experimentators
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Die Ausstellung zeigt rund 50 darunter erstmals gezeigte Arbeiten aus den 1950er bis 1980er Jahren, die Breiers Entwicklung von der gegenständlichen Naturdarstellung hin zur völligen Abstraktion veranschaulichen. Bereits in seinen frühen Werken aus der Studienzeit um 1953 nutzte er zufällig auftretende Konstellationen in seiner Umgebung wie aufrecht und eng stehende Bäume, dichtes Gestrüpp oder übereinander gestapeltes Holz, um die Strukturen und Formen dieser Motive durch Licht und Schatten zu abstrahieren. Dabei ging es ihm nicht darum, die Natur realistisch abzubilden, sondern ihre ästhetischen Elemente grafisch und kontrastreich darzustellen. Diese frühen Arbeiten zeigen bereits Breiers Interesse an der Reduktion von Naturformen und der abstrahierenden grafischen Wirkung der Fotografie.
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Parallel dazu experimentierte Breier mit kameralosen Techniken wie dem Fotogramm, bei dem Objekte direkt auf lichtempfindliches Fotopapier gelegt und belichtet werden. Gräser, Blätter und andere Naturstoffe wurden so von ihm in der Dunkelkammer verfremdet. Andere Motive bearbeitete er durch Negativumkehrung oder Kopiermontagen. Darüber hinaus entstanden eigene Bildformen wie Rasterbilder, Kamera-Luminogramme oder Teilbelichtungen von Fotopapieren. Seine Experimente, die Breier auch um fotochemische Verfahren wie Oxidationsprozesse erweiterte, verdeutlichen seine Suche nach dem „Nullpunkt“ der Fotografie – dem Moment, in dem sich das Bild von dem Ab-Bild einer gegenständlichen Realität löst.
Die Ausstellung läuft bis zum 25.05.2025
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Photography Masters
Ort: Essen Wann:23.01.2025 um 19 Uhr
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Foto: Martin Ruckert
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Die Ausstellung zeigt ausgewählte Abschlussarbeiten von Absolvent:innen des Masterstudienprogramms Photography Studies & Practice der Folkwang Universität der Künste. Die beiden Folkwang-Institutionen setzen damit ihre Kooperation fort, die 2016 mit der Reihe Stopover begann. Mit Arbeiten von Silvia Tam, Marie Lansing, Martin Ruckert, Rebecca Ramershoven, Franca Oettli und Nico Kleemann
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within reach
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Ort: Brückstraße 64, 44135, Dortmund
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In der Ausstellung „within reach“ präsentieren Studierende der FH Dortmund dokumentarische Foto- und Videoprojekte. Ein Großteil der Arbeiten entstand während einer Exkursion nach Georgien im Mai 2024. Ergänzt wird die Ausstellung durch weitere Projekte aus Deutschland.
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Mit Arbeiten von: Alica Wetzold, Anne Jahn, Bastian Gies, Celia Joy Homann, Cem Hendrik Hamparoglu, Christophe Theisen, David Nils Müller, Davyd Mirzoyan, Dean Fischer, Dominik Gasser, Fynn D’Ortona, Ioanna Langowski, Jorid Disteldorf, Lara Habor, Lea Müller, Lena Liedmann, Lydia Köse, Mandy Schachulsk, Mats Flottmann, Mattis Potthoff, Moritz Mandlburger, Oxana Guryanova, Pawel Garycki, Pit Schwammberger, Raphael Heinisch, Tobias Sitko
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OPEN CALLS
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Mich erreichten in den letzten Wochen einige Open Calls die ich hier gerne teile. Vielleicht macht es Sinn, den Veranstaltungskalender um die Möglichkeit zu erweitern, Ausschreibungen zu veröffentlichen. Das werde ich mal angehen.
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Artists on Photography
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Ein Projektstipendium initiiert von der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums
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Artists on Photography ist ein neues Format der Sammlung Fotografie, das das Ziel verfolgt die historische Sammlung durch künstlerische Perspektiven der Gegenwart sowie eine Neubetrachtung der Bestände durch gendertheoretische und postkoloniale Fragestellungen zu aktivieren. Das Projektstipendium ist als fünfteilige Reihe angelegt und wird ab 2025 einmal jährlich an ein Tandem aus Kunst und Wissenschaft vergeben. Es wird altersoffen ausgeschrieben und durch eine hochkarätig besetzte Expert*innenjury ausgewählt.
Die Bewerbung erfolgt über die Plattform Picter bis zum 10.02.2025.
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FEELINGS & PHOTOGRAPHY
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OPEN CALL FÜR KÜNSTLER:INNEN UND KOLLEKTIVE
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Die Internationale Photoszene Köln schreibt erneut einen Open Call aus, der in eine Gruppenausstellung für das Photoszene-Festival im Mai 2025 in Köln mündet. Bewerbungsfrist: 31. Januar 2025.
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- Welche Rolle kann Fotografie in der Auseinandersetzung mit Gefühlen spielen und welche Rolle spielen Gefühle in zeitgenössischen fotografischen Konzepten?
- Wie finden Gefühle ins Bild und auf welche Weise erreichen sie die Betrachtenden?
- Und alle weiteren offenen Fragen, die darüber hinaus gestellt und beantwortet werden können!
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Obwohl Gefühle definitionsgemäß immateriell und subjektiv sind, kann Fotografie sie sichtbar, erfahrbar und nachvollziehbar machen, ferner diese heraufbeschwören und verstärken. Die Möglichkeiten der fotografischen Bilder beeinflussen täglich durch ihre mediale Verbreitung unseren gesamten Lebensbereich, vermitteln uns Emotionen, Zustände, Haltungen, wie Perspektiven auf das, was uns fühlen lässt.
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»Zukunft? Welche Zukunft?!«
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Die Wiesbadener Fototage bieten seit ihrer Gründung im Jahr 2002 Fotografinnen und Fotografen die Möglichkeit, sich mit Fotoserien für die Ausstellungen zu bewerben. Dieses in der deutschen Fotofestivallandschaft einmalige Format haben wir auch für die 13. Wiesbadener Fototage 2025 beibehalten und freuen uns auf eine große Beteiligung an unserem Open Call.
Gesucht werden Fotoserien/Videoarbeiten, die sich inhaltlich mit dem diesjährigen Festivalthema »Zukunft? Welche Zukunft?!« auseinandersetzen. Dabei soll eine eigenständige konzeptionelle Umsetzung erkennbar sein.
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Wir fragen uns: Was für eine neue Welt wollen wir gemeinsam erschaffen? Welche anderen Welten sind überhaupt möglich? Wie wollen wir leben? Was wünschen wir uns? Wovon träumen wir? Was wollen wir aus der Vergangenheit und der Gegenwart in die Zukunft retten oder sogar neu entdecken? Was können wir von anderen Gesellschaften lernen? Wie lässt sich scheinbar Unabänderliches neu denken? Welche neuen Formen des Zusammenlebens sind überhaupt erstrebenswert? Und wie schaffen wir das? Und welche Zukunft gibt es – in Zeiten von KI – für das Medium der Fotografie?
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Bewerbungsfrist ist der 15.03.2025
Mehr Infos hier.
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Film
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LEE (Die Fotografin)
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Kate Winslet als Lee Miller in Lee (2024). Photo courtesy of Roadside Attractions
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Jetzt habe ich ihn endlich gesehen: den Film über Lee Miller. Doch dieser handelt nur am Rande von ihr selbst. Zu Beginn des Films ist Lees Zeit als Fotomodell bereits schon Geschichte, und auch ihre Beziehung zu Man Ray sowie ihre eigenen fotografischen und künstlerischen Arbeiten werden nur in Dialogen kurz angeschnitten.
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Der Film beginnt stattdessen mit einem Picknick auf der Insel Sainte-Marguerite vor Cannes. Dort sitzen Man Ray, Ady Fidelin, Nusch und Paul Éluard sowie Lee Miller um einen niedrigen Tisch. Roland Penrose stößt dazu, und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Dass dieses Setting gewählt wurde, liegt vermutlich daran, dass es von diesem Picknick Fotografien gibt – wahrscheinlich von Roland Penrose aufgenommen. Hier wurde auf eine beinahe pedantische Authentizität geachtet: Sitzordnung, Anwesende und sogar ihre (Nicht-)Kleidung wurden detailgetreu nachgestellt. Ein schönes Beispiel dafür, wie Fotografie dem Film dienen kann.
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Von diesem Moment an folgt der Film Lee Millers Weg: von der Bohème bis in Hitlers Badewanne. Das Drehbuch versucht, diese Entwicklung schlüssig darzustellen, doch die Erzählweise bleibt sprunghaft. Oft springt der Film von einer Anekdote zur nächsten. Selbst intensive Szenen wie Lees Besuch in Dachau wirken dadurch episodenhaft. Der Film hangelt sich von einer Bildentstehung zur nächsten, ohne diesen Bildern den nötigen Raum zu geben.
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Ein zweiter Erzählstrang wird durch eine Off-Stimme eingeführt: Lee spricht mit einem scheinbaren Journalisten über ihr Leben. Tatsächlich beginnt der Film auch mit der Begegnung der beiden in Lees Wohnzimmer. Lee ist in dieser Erzählebene deutlich gealtert, raucht viel und ihr Alkoholproblem wird ebenfalls direkt thematisiert. Dieser Strang gibt der Handlung zwar eine gewisse Struktur, wirkt aber wie ein kitschiger Kunstgriff. Ab hier muss ich ein wenig SPOILERN. Denn der vermeintliche Journalist ist in Wirklichkeit Lees Sohn Antony Penrose, der sich anhand ihrer Bilder die Vergangenheit seiner Mutter erschließt. Diese erzählerische Verrenkung wäre nicht nötig gewesen. Aus fantasierten Dialogen einen Film machen ist, naja, halbgar.
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Hinzu kommt ein weiteres Problem: Der Film verstößt häufig gegen die Regel „Show, don’t tell“. Statt Lee Millers fotografische Arbeit für sich sprechen zu lassen, wird vieles durch Dialoge oder Off-Kommentare erklärt. Besonders plump wirkt der erste Dialog, der rückblickend betrachtet den gesamten Film rechtfertigen soll: „Es sind nur Fotos“, sagt Lee. „Das glaube ich nicht“, entgegnet ihr Sohn. „Es muss Geschichten dazu geben. Soll die Welt nicht von dir erfahren?“
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Insgesamt bleibt der Film hinter seinen Möglichkeiten zurück. Statt Lee Millers außergewöhnliche Karriere als Fotografin in den Mittelpunkt zu rücken, präsentiert er sich als konventionelles Hollywood-Kriegsdrama mit einer Fotografin in der Hauptrolle. Das mag man erwarten – ich hatte jedoch mehr erhofft. Was kann so schwer daran sein, einen interessanten und spannenden Film über eine Fotografin zu machen?
Ist nicht mehr in den Kinos, aber sich bald auf den üblichen Streamingplattformen zu finden.
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Fotobuch
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Ansichten von K. – Elisabeth Neudörfl
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Alles ab 100.000 Einwohnern gilt als Großstadt. Darüber hinaus gibt es wenig Kriterien, die für oder gegen eine Kategorisierung sprechen könnten. Kaiserslautern hat knapp 1.000 Einwohner mehr und zählt somit als Großstadt. Viel mehr gibt es über diese Stadt dann auch nicht zu sagen. Einen Fußballverein gibt es wohl. Der ist allerdings jünger als die Stadtgeschichte, die etwa um 1200 mit dem Namen „Lautern“ beginnt. Und von da an ging es bergauf.
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Nun hat sich die Fotografin Elisabeth Neudörfl dieser Stadt angenommen und beeindruckende Ansichten mitgebracht. „Ansichten von K.“ Treffender könnte man es kaum beschreiben. Der Bildindex lässt vermuten, das Buch beginnt an einer Burg (Straße). Was dann folgt, ist ausgereifte und konsequente Dokumentarfotografie – jedoch weit über das Lehrbuch hinaus. Die Bildausschnitte sind mitunter hart, lassen an keiner Seite Luft und scheinen gewählt, um diese ohnehin schon verbaute Stadt noch dichter wirken zu lassen.
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Im Wandel der Jahrhunderte wurde aus Lautern wohl Kaiserslautern. Kaiserlich ist daran jedoch wenig – irgendwie dramatisch durchschnittlich. Elisabeth Neudörfl findet Bilder, die Vorder- und Hintergründe sorgfältig vermengen, um dann im Buch eine rastlos erscheinende Bildfolge zu präsentieren. Die Bilder sind wohlkomponiert und in sich ruhend, ohne einem vordergründigen Narrativ zu folgen. Ein Narrativ, das sich dennoch in jedem einzelnen Bild entdecken lässt.
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Kaiserslautern macht mich verrückt. Straßenecken, Chinarestaurants, Dönerläden, Wellblech, Verkehrsinseln, Kreuzungen. Zeitweilig vergisst man, wo man eigentlich ist – es könnte auch irgendein Vorort einer Kleinstadt am Rande einer Autobahn sein. Alles wirkt wie eine vielgesehene Melange, in der man aber immer wieder den Einfluss amerikanischer Militärstützpunkte findet, mal mehr, mal weniger subtil. Schließlich befinden wir uns in der Pfalz.
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Ohne zu zögern werden die ausschließlich querformatigen Bilder konsequent über die (ja, den, ich weiss) (P)Falz (HiHiHi) gesetzt. Was ich anfangs als ungemein störend empfand, hat sich mittlerweile zu einer Hassliebe entwickelt. Bei jedem anderen Buch wäre ich schlicht genervt, die Seiten jedes Mal so auseinanderdrücken zu müssen, um vielleicht noch etwas Verstecktes zu entdecken. Hier habe ich irgendwann aufgegeben und mich einfach an der Beliebigkeit dieser Stadt erfreut. Der senkrechte Bruch durch die Bilder überhöht diese undurchsichtige Stadt schlussendlich und nimmt den Bildern den missverstandenen Anspruch auf dokumentarische Korrektheit.
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Wenn man Dokumentarfotografie ernst nimmt, sollte man auch dieses Buch ernst nehmen. Es zeigt, wie Fotografie wirken kann, wenn man nur den richtigen, eigenen Ausschnitt der Welt wählt und konsequent beibehält. Jeder Bruch, ob im Bild oder mit einer nicht näher zu beschreibenden fotografischen Konvention, lässt sich immer als Indiz für einen großen Erfahrungsschatz und ein festes künstlerisches Standing verstehen. So verstehe ich es zumindest.
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Dass das Buch trotz allem keine Jubelstürme bei mir auslöst, liegt daran, dass mein Herz zu sehr zwischen wissenschaftlich/künstlerischer Arbeit und ästhetisch/emotionalen Konventionen schwankt. Filterfreie und trockene Dokumentarfotografie findet da nur selten einen Platz.
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Dieses Buch steht nun jedenfalls im Regal – auch, um mich daran zu erinnern, welche Stärken die Fotografie aus sich selbst heraus hat. Man könnte es auch Studierenden zeigen, nur um zu beweisen, wie weit man mit Haltung und fotografischem Verständnis kommen kann.
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Eigene Sachen
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Und da ist sie nun, die neue Episode. Mit der neuen Kuratorin des Hauses der Photographie, also des PHOXXI, also der Deichtorhallen. Mit Nadine Isabelle Henrich. Findet ihr bei Spotify und Apple oder YouTube. Und direkt hier.
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Wir diskutieren, wie Fotografie als Prozess und Praxis verstanden werden kann, welche Bedeutung visuelle Archive für historische und kulturelle Identität haben und warum der Begriff „Fotografie“ für Nadine selbst problematisch ist. Außerdem sprechen wir über die Rolle von Bildern in Verschwörungstheorien, die Herausforderungen der Multiperspektivität und den gesellschaftlichen Umgang mit digitalen Technologien. Angst und Scheitern spielt in dem Gespräch auch eine große Rolle.
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Du hast bis hierher gescrollt. Schön. Ich erinnere noch einmal an die Möglichkeit, dieMotive über STEADY zu unterstützen. Hilft. Immer.
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Dies war der zwölfte Newsletter. Der nächste Newsletter erscheint. Bald. Im Januar.
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Nun bleibt mir nur noch, mich ganz herzlich für die Aufmerksamkeit, die Zeit, die Rückmeldungen und die Begegnungen zu bedanken. Ich wünsche allen, die dies lesen, ruhige und besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Bleibt gesund, aber lasst es auch mal krachen. Und bitte: lächeln hilft.
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Wer in irgendeiner Form mit mir/dieMotive kooperieren möchte, soll sich gerne melden. Ich kooperiere gerne. Und sonst was Maude sagt: Menschen sind meine eigene Spezies, die mag ich.
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