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Bulletin #18

Bonjour, ich denke schon in Französisch. Salut, comment ça va ? Baguette, Rosé, Champignon. Auch wenn es noch eine Woche hin ist – Arles stresst mich jetzt schon irgendwie. Gleichzeitig steigt die Vorfreude. Darüber habe ich auch mit Miriam in der aktuellen Folge des Um vier Ecken-Podcasts gesprochen.
Sollten wir alle vielleicht mal ein anderes Festival bevölkern?

Dieser Bulletin ist diesmal wieder voll mit guter Laune und Kreativität. Denke ich.
Der erste Text – zum Thema Kreativität und KI – ist dann auch direkt etwas länger geworden und endet bei einem Buch aus dem Jahr 2010. Da ich den gesamten Text nicht in diesen Newsletter „werfen“ wollte, verlinke ich den zweiten Teil. Dort finden sich dann auch Links und Bilder.
Und was gibt’s sonst? Natürlich Events (diesmal mit viel Beteiligung meinerseits), außerdem eine tolle Arbeit und ein Fotobuch, das eigentlich keins ist. Sondern ein Textbuch. Eines Fotografen.

News? Nur schlechte.
Sebastião Salgado ist Ende Mai gestorben. Ruhe in Frieden.
Und auch der Fotograf Dietmar Henneka ist am 9. Juni verstorben. Ein wirklich beachtenswerter (Werbe-)Fotograf. Wer Menschen kennt, die ihm assistiert haben, hört von viel Schleiferei – aber auch: Niemand durfte Hennekas Assistent*innen auch nur schräg angucken. Da gab’s direkt richtig Terz – das durfte nur er. Es gab mal ein Video seines Vortrags auf der TYPO 99 (oder so), in dem er der versammelten Creative-Director-Ansammlung verbal so richtig eine reinhaut (sehr humorvoll) und ihnen klar macht, dass sie ja echt schön gestalten können, von Fotografie aber keine Ahnung haben. Großartig war das.
Ich habe versucht, das Video zu finden, aber das Internet scheint doch zu vergessen.
Menschen, die echt etwas draufhaben und auch die eigene Bubble kritisieren, fehlen. Er war wohl einer der Letzten.

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit Bulletin #18!

Kreative Autobahn zur NEA MACHINA

Irgendwie war ich beruhigt, als Marco De Mutiis während eines Symposiums in den Deichtorhallen ganz vorsichtig, aber bestimmt darauf hinwies, dass der große KI-Hype (zumindest im Bereich der Bilder) verflogen zu sein scheint. Beruhigt, weil das auch meinen Eindruck widerspiegelt – und auch, weil man sich nun wieder anderen Dingen widmen kann und nicht ständig gegen Weltuntergangsszenarien anreden muss. Scheint alles schon normal geworden zu sein. Mehr als fotorealistisch und sich einer Oberfläche bedienend können Maschinen halt auch nicht.
Dabei können die generativen Bildgeneratoren natürlich genau eins nicht, nämlich das in ihren Speicher aufzunehmen, was per se nicht in digitaler Form existiert. Also analoges Material bis hin zur reinen (verfälschten) Erinnerung an die Welt. Das würde uns schon mal unterscheiden, den Mensch und die Maschine.

Nadine Isabelle Henrich sprach auf einem Freelens-Symposium (Link unten) dankenswerterweise den nachweislich vorhandenen Bias generativer KI-Bildgeneratoren an. Zumindest in diesem Punkt unterscheiden wir uns dann leider nur wenig von dieser Datenmaschine. Dafür sind wir selbst zu sehr von Verzerrungen beeinflusst.
Hier nochmal – als hätte ich noch nie darum gebeten, dieses Buch zu lesen – der Hinweis auf das großartige Werk Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Zum Thema Bias. Dagegen wirkt der Bias der Maschine noch wie ein Fötus.
Was jedoch deutlich interessanter war während des Freelens-Symposiums, war der kurze Teil, in dem es um das Thema Kreativität ging. Spannend. Aufgeteilt in ein „journalistisches Panel“ und ein „künstlerisches Panel“ – letzteres kann als Impuls für diesen Text gesehen werden. Beim künstlerischen Teil waren dabei: Sabine von Bassewitz, Nadine Isabelle Henrich und Boris Eldagsen.

Auf die etwas komplizierte formulierte Frage des Moderators, was er (Eldagsen) denn unter Kreativität verstehe, folgte ein seltsamer Monolog ohne wirkliche Antwort – mit dem Hinweis, das sei schwierig zu definieren, aber er halte es mit Margaret Ann Bodens drei Wegen. Womit er auf die Essaysammlung Creativity and Art: Three Roads to Surprise von eben jener Kognitionswissenschaftlerin verweist.
Zusammengefasst heißt das: Es ergibt sich immer etwas Neues, wenn man entweder:
1. Bekannte Ideen oder Stile neu kombiniert (kombinatorisch),
2. innerhalb eines bestehenden Systems neue Möglichkeiten entdeckt und ausprobiert (explorativ),
3. die Regeln oder Grundannahmen eines kreativen Bereichs verändert (transformativ).

Eine wirklich eigene Idee von Kreativität findet sich in dem Gespräch leider nicht.
Da helfe ich (ohne Philosophiestudium) natürlich gerne mit einem eigenen Gedanken aus: Kreativität äußert sich eigentlich immer in einem Prozess, dessen Anfang durch einen Impuls gesteuert wird. Diesen Impuls muss bei künstlicher Intelligenz nach wie vor ein Mensch liefern. Dummerweise braucht es für diesen Impuls keine Intelligenz. Schwierige Situation.
Intelligenz und Kreativität hängen zwar oft miteinander im gleichen Café rum, sind aber leider nur selten am gleichen Tisch zu finden. Was diese Diskussion um Intelligenz und Kreativität besonders spannend macht, ist nämlich der Umstand, dass man zu dem Schluss kommen könnte: Intelligenz und Kreativität sind gar nicht so oft beim Menschen zu finden.
Um sich dieser Erkenntnis zu entziehen, versucht man dann, die Definition so zu formulieren, dass man möglichst selbst damit gemeint sein könnte. Zack – schon ist auch der Mensch besonders intelligent und kreativ.
Findet sich oft in Diskussionen um Kunst und Kreativität. Und Werbung. Und Fotografie.
Die Definition orientiert sich nicht am Prozess, sondern nur daran, ob sie auch auf einen selbst zutreffen könnte.
Nach meiner eigenen (nicht allgemeinen) Definition könnte man Kreativität auch so versinnbildlichen:
Wenn man sich einen Handlungsprozess wie eine Autobahn vorstellt, schafft es die künstliche Intelligenz immerhin, auch zwischendurch mit wenigen Impulsen von außen eine Abfahrt ins Nirgendwo zu nehmen. Das könnte ja überraschen, wäre aber eher als Unfall zu definieren.
Weiter geht es hier ab "Die NEUE MASCHINE und die Intelligenz"

Ausstellungen und Events
bis zum 31.07.25

Die folgenden Empfehlungen und Nennungen speisen sich aus dem dieMotive-Veranstaltungskalender. Was eingetragen ist, kann auch genannt werden. Hier und auf Instagram.
Ab sofort ist der Eintrag auch mit Bildupload kostenlos.

Gute Gesellschaft

VERNISSAGE
Wann: 18.07.2025
Uhrzeit: 18 Uhr
Wo: Wilhelm Studios
Ort: Kopenhagener Str. 60-68, 13407, Berlin
Gute Gesellschaft – Abschlussausstellung
Jahrgang Neunzehn der Ostkreuzschule für Fotografie und Kunsthochschule Weißensee
Vom 18. bis zum 27. Juli entsteht ein Großereignis für die Berliner Kulturszene: Gemeinsam mit den diesjährigen Absolvent:innen der Kunsthochschule Weißensee verwandeln die Absolvent:innen des Abschluss-Jahrgangs Neunzehn der Ostkreuzschule für Fotografie die Wilhelm Studios in ein Zentrum junger künstlerischer Positionen. Über 60 Abschlussarbeiten aus allen Bereichen der bildenden Kunst treten hier für eine Woche in einen offenen Austausch. Ein vielseitiges Rahmenprogramm mit Podiumsdiskussionen, Führungen und Workshops begleitet die Ausstellung.
Die 26 Abschlussarbeiten des Jahrgangs Neunzehn der Ostkreuzschule für Fotografie bewegen sich fließend zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie. Sie sind am Puls der Zeit, greifen in gesellschaftliche Diskurse ein und ihre ästhetischen, formalen und konzeptionellen Ansätze zielen auf die großen Fragen: Wie wollen wir eigentlich leben? Wird unser Leben gestaltet oder gestalten wir es selbst? Die Themen sind so drängend und vielfältig wie die individuellen Blicke der Fotograf:innen.
Es stellen aus: Florentina Amon, Maria Bolz, Shadi Dupouey, Katja Feldmeier, Levin Gilb, Greta Graf, Chiara Herrmann, Michel Kekulé, Leo Köhler, Jan Kraus, Björn Kuhligk, Robert Kwaß, Celina Löschau, Anna-Maria Lück, Alexander Meyer, Charlotte Marquordt- Schulze, Hazel Morley, Cem Öztök, Damian Pfattner, Martha Roschmann, Frederik Rüegger, Ludwig Spaude, Lukas Städler, Ray Van, Nino V. Valpiani, Gerd Waliszewski
Wilhelm Studios, Kopenhagener Straße 60–72, 13407 Berlin
Vernissage: 18.07.2025, 18 – 22 Uhr
Ab 22 Uhr secret live-acts & DJ-sets

Das Rahmenprogramm ist so umfassend, das würde hier nicht reinpassen.
Mehr dazu gibt es hier.

Und eine Etage tiefer noch der Hinweis zu einem ganz besonderen Programmpunkt.

Um vier Ecken – LIVE

Ein Live-Podcast im Rahmen der Ostkreuz Abschlussausstellung
Wann: 20.07.2025
Uhrzeit: 13 Uhr
Wo: Wilhelm Studios
Ort: Kopenhagener Str. 60-68, 13407, Berlin

Live-Podcast „Um Vier Ecken“
mit Alexander Hagmann und Miriam Zlobinski
„Wer sieht – und wer wird gesehen? Zur Relevanz von Fotografie in einer fragmentierten Welt“

REAL TALK in ARLES

Wann: Donnerstag, 10.07.2025
Uhrzeit: 17 Uhr
Wo: Galerie Huit Arles
Ort: – Innenhof – 8 Rue de la Calade, 13200 Arles
Was beschäftigt Dich aktuell im Hinblick auf die Fotografie? Oder: worüber muss in der Fotografie-Branche endlich offener gesprochen werden?

In dieser Gesprächsrunde kommen Alumni der Dortmunder Fotografie-Studiengänge zusammen, um gemeinsam auf ihre Studienzeit zurückzublicken und zu diskutieren, was danach kam. Es geht um den Spagat zwischen freier künstlerischer Arbeit und beruflicher Wirklichkeiten, um Machtverhältnisse in der Hochschullehre und um das, was oft nicht offen angesprochen wird. Ziel ist ein ehrlicher Austausch – auch über Unsicherheiten, Rückschläge und offene Fragen.

Das Gespräch findet am Donnerstag, den 10.07.2025, von 17:00 bis 18:30 Uhr in der Galerie Huit (Rue de la Calade 8, 13200 Arles) in deutscher Sprache statt.
Das Gespräch richtet sich nicht nur an Fotografie-Studierende, sondern an alle, die sich für aktuelle Themen in der Fotografie-Branche interessieren. Du hast Fragen oder Themen, die Dich bewegen? Dann bring Dich ein, vor Ort oder im Vorfeld:
Schick uns Deine Gedanken und Fragen!

Das Gespräch ist Teil der Ausstellung REVUE der Fachhochschule Dortmund während der Rencontres de la Photographie Arles.
Gäst:innen: Cihan Çakmak, Alexander Hagmann, Victoria Jung, Marie Köhler
Konzeption und Moderation: Felix Schmale

EARLY BIRD REVIEWS

ANMELDUNG BIS 30.06.
Auch in diesem Jahr bieten wir in der Eröffnungswoche der Rencontres wieder allen EARLY BIRDS die Möglichkeit, mit verschiedenen Personen aus der #Fotoszene in Kontakt zu treten und Feedback zu mitgebrachten Projekten zu erhalten.

🔸 Am Dienstag und Donnerstag, jeweils zwischen 9 und 11 Uhr, laden wir bei Café und Croissant dazu ein, das eigene Projekt oder Portfolio in einem 30-minütigen Gespräch vorzustellen.

🔸 Der Freitag zwischen 9 und 11 Uhr ist ausschließlich Studierenden vorbehalten, die ihre Abschlussarbeit – egal ob gerade fertig oder noch im Entstehen – besprechen möchten.

In einer ruhigen Seitengasse im Viertel La Roquette sitzen in wechselnder Besetzung Helena Melikov (@shift.books), Alexander Hagmann (@diemotive.de) und @tobias.laukemper(Visual Director) am Frühstückstisch – und freuen sich über jedes neue wie auch bekannte Gesicht. Für zusätzliche Expertise und zwei extra Augen ist täglich eine Überraschungsreviewerin dabei – surprise, surprise.

Was das kostet? Nichts!
Wir freuen uns allerdings über mitgebrachte Frühstücksutensilien.

Im Vergleich zum letzten Jahr gibt es ein paar Änderungen:
Zusätzlich bitten wir diesmal um einen Beitrag von 5–10 € für die Kaffeekasse, da wir Kaffee und Tee bereitstellen, verschiedene Milchalternativen besorgen sowie Obst und Gemüse schnibbeln.

Da wir pro Tag nur vier Personen die Möglichkeit bieten können, mit uns (und vielen anderen) zu frühstücken, treffen wir eine Auswahl aus den Anmeldungen.

☀️EARLY BIRDS, die Lust haben, ihre Arbeit zu zeigen und in entspannter Runde über Fotografie zu sprechen, melden sich bitte bis zum 30.06. unter 👉🏼 review@diemotive.de.

Bitte schreibt kurz dazu, was ihr zeigen möchtet. Wir geben bis zum 04.07. Rückmeldung.

Für Alle
🗓 8.7. Dienstag + 10.7. Donnerstag
🕘 9 - 11 Uhr
📍 La Roquette, Arles (tba)
🥐 5–10 € für die Croissantkasse

Für Studierende
🗓 11.7. Freitag
🕘 9 - 11 Uhr
📍 La Roquette, Arles (tba)
🥐 5–10 € für die Croissantkasse

Metamorphosis

VERNISSAGE
Wann: 31.07.2025
Uhrzeit: 19 Uhr
Wo: Kulturzentrum Badehaus/Kunstkabinett
Ort: Königsteinerstr. 86, 65812, Bad Soden am Taunus
Visuelles Entdecken ist ein Schwerpunkt der fotografischen Arbeit von LILO MANGELSDORFF. Es sind häufig banale, alltägliche, für jeden sichtbare Dinge, subjektive Eindrücke in städtischer Natur. Sie werden intuitiv aus ihrer Umgebung fotografisch herausgelöst und finden zu neuer, optischer Ausdruckskraft, geformt durch Licht und Schatten. Die Platane als unbewusste Künstlerin fasziniert durch variantenreiche Formen und Farben ihrer Rinde. Das Abblättern der Borke erkundet LILO MANGELSDORFF mit der Kamera und schafft daraus eigene Bildwelten.

TIPP — I’M SO HAPPY YOU ARE HERE

Japanese Women Photographers from the 1950s to Now

Läuft noch bis 07.09.2025. TIPP.
Wo: Fotografie Forum Frankfurt
Ort: Braubachstraße 30–32, 60311, Frankfurt am Main

© Fotografie Forum Frankfurt

Wer das Fotofestival in Arles im Jahr 2024 besucht hat, ist an dieser Ausstellung vermutlich nicht vorbeigekommen. Dass sie aktuell im Fotografie Forum Frankfurt zu sehen ist, ist für alle, die es nicht nach Arles geschafft haben, ein Glücksfall. Ich werde sie mir dort wahrscheinlich auch noch einmal anschauen.

Als einzige Deutschland-Station auf ihrer Welttournee bietet die Ausstellung »I’M SO HAPPY YOU ARE HERE« einen revolutionären Blick auf die japanische Fotografie von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen über 20 Fotografinnen verschiedener Generationen, darunter Kawauchi Rinko, Isiuchi Miyako und Katayama Mari. Sie setzen alltägliche Momente in poetische und spirituelle Kontexte, nutzen persönliche Erzählungen, um gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, und erweitern das fotografische Medium.

Mehr hier.

CROWDFUNDING

Lonely Are All the Bridges by Robin Hinsch

A photobook of more than fifteen years of deep photographic research in Ukraine

Lonely Are All the Bridges ist das Ergebnis von mehr als fünfzehn Jahren intensiver fotografischer Recherche in der Ukraine. Dieses Buch erzählt keine einfache Geschichte - es zeigt das Leben in einem Land, das zwischen seiner Vergangenheit, dem Krieg und einer ungewissen Zukunft hin- und hergerissen ist. Mit eindrucksvollen Bildern und einem aufschlussreichen Essay des renommierten Kunsthistorikers Julian Stallabrass bietet es eine Perspektive auf einen Konflikt, der uns alle berührt.
Seit mehr als fünfzehn Jahren reist Robin Hinsch durch die Ukraine, lange vor den Aufständen und lange vor dem großen Krieg. Er kam zum ersten Mal in die Ukraine, nachdem er Berichte über Viktor Janukowitsch gelesen hatte, der als „der neue Diktator zwischen Ost und West“ bezeichnet wurde. Schon damals hatte Robin das Gefühl, dass das Land zwischen den Welten schwebte, auseinandergerissen von konkurrierenden Erzählungen und Kräften.
Aus Lonely are all the Bridges von Robin Hinsch.
Lonely Are All the Bridges ist kein Kriegsbuch. Nicht ganz. Es ist das Porträt eines Ortes und seiner Menschen - wo Systeme zusammengebrochen sind, wo Grenzen immer wieder neu gezogen wurden.
Das Werk ist eine persönliche Annäherung an eine komplexe Realität. In einer Zeit, in der fast alles erklärbar, benennbar, erzählbar erscheint, spiegeln diese Bilder wider, was sich einer einfachen Geschichte widersetzt. Sie bieten Einblicke in gesellschaftliche und territoriale Veränderungen - nicht, um sie aufzulösen, sondern um ihre Komplexität zu enthüllen.
Dies ist keine Geschichte von Helden und Schurken. Es geht um die langsamen, zermürbenden Kräfte, die Gesellschaften auseinanderreißen, und die zerbrechlichen, manchmal ambivalenten menschlichen Fäden, die sie zusammenzuhalten versuchen.

Zum Crowdfunding geht es HIER lang. Es läuft noch bis 04. Juli.
Aus Lonely are all the Bridges von Robin Hinsch.

PORTFOLIO

Sophie Meuresch – Astrid

Eine Ausstellungsansicht der Arbeit Astrid von Sophie Meuresch.

© Sophie Meuresch

Man blickt, nimmt wahr, versucht zu folgen und wird zugleich angeblickt. Beobachtet die Bewegung und bewegt sich selbst.
Was Sophie Meuresch in ihrer Arbeit Astrid (Doppel) als Zweikanal-Video an die Wand bringt, erscheint auf den ersten Blick schlicht. Die Person (Astrid) ist in einem nicht näher definierten Raum zu sehen, stehend, in blauer Jeans und hellem T-Shirt. Einmal frontal, einmal aus einer leicht veränderten, seitlichen Perspektive. Dieser simple Perspektivwechsel verändert nicht nur den Blick auf, sondern auch den Blick von Astrid.
Versucht man, ihrem Blick zu folgen, gerät man in Unsicherheit, denn ihr Blick wandert. Mal schaut sie durch den linken, mal durch den rechten Monitor. Alles geschieht gleichzeitig: der Wechsel, der Blick, die Veränderung von Pose und Haltung. Dieses Wechselspiel zwischen Beobachten und Beobachtetwerden, zwischen Bewegung und Stillstand, macht die Arbeit so ungemein reizvoll.
Astrid von Sophie Meuresch.

© Sophie Meuresch

Schnell wird deutlich: Das Posieren vor der Kamera kann von schüchterner Unsicherheit ebenso getragen sein wie von selbstbewusster Selbstdarstellung. Auch wenn Astrid sich in einer exponierten Situation befindet – als Betrachtender war ich ebenfalls verunsichert. Wie kann ich ihr folgen? Was kann ich beobachten? Ist es nur ihr Blick, der mich irritiert – oder die stille, stetige Veränderung ihrer Haltung?
In dem Moment, in dem sie ihre Hände in die Hosentaschen steckt, blitzt etwas auf: ein Anflug von Unsicherheit gegenüber der beobachtenden Kamera und den daraus folgenden Blicken. Sophie Meuresch hat mit dieser Arbeit nicht nur eine Studie zum Posing vor der Kamera geschaffen – sie hat das Betrachterverhältnis analysiert, ohne es plakativ zu machen. Alles, was zwischen dem Bild (Astrid) und den Betrachtenden geschieht, ist Inhalt der Arbeit.
Selten habe ich so gebannt vor einer Zweikanal-Videoarbeit gestanden. Was bei Britta Thie in Shooting noch als Kommentar auf Posinganweisungen lesbar war, wird hier zur Darstellung einer Beziehung zwischen Kamera und Mensch – und dessen Wirkung.
Damit ist die Arbeit jedoch nicht abgeschlossen.
Ein Bild der Zweikanal-Videoinstallation von Sophie Meuresch

© Sophie Meuresch

Astrid existiert auch als Fotoserie: sitzend auf einem Stuhl. Geht es in der Videoarbeit um das Zusammenspiel von Bewegung und Stillstand, lässt sich die Fotoserie als Kommentar zur Pose im fotografischen Bild lesen. Dabei treten neben dem Posing noch andere Aspekte in den Vordergrund: Kleidung, Erscheinung – und ein Detail, das auffällt, wenn man das Video zuerst sieht und dann die Fotoserie: Astrid hat rote Haare. Das erkennt man auf den Fotos deutlich. Im Video war mir das kaum aufgefallen. Oder doch nicht? Ist das wichtig? Ja, denn was und wie wir wahrnehmen, hängt auch davon ab, wann wir was zuerst sehen. Ich habe im Video zuerst ihre Augen und dann die orangenen Fingernägel wahrgenommen. Danach war die Person auf dem Stuhl fast eine Fremde.

ASTRID ist ab dem 28.06. in Düsseldorf zu sehen. Wahrscheinlich im Kunstpalast oder dem NRW-Forum. Vielleicht komme ich Sie dort mal besuchen.

Die Videos der Arbeit können hier angesehen werden. Jedoch ist zu beachten, wie anders diese Arbeit auf zwei Monitoren an einer Wand funktioniert.

Das Passwort ist der Name des Monats vor Mai. Kleingeschrieben.

Sophies Arbeiten finden sich hier.
Ein Bild von einem Portrait in einem Rahmen. Von Sophie Meuresch aus der Arbeit Astrid.

© Sophie Meuresch

(FOTO)BUCH

LEWIS BALTZ – TEXTE

Das Cover des Buches TEXTE von Lewis Baltz
Stefan Gronert betreibt seit längerem einen der wenigen guten Fotografieblogs in Deutschland. Das kann man schon so sagen.
Dass er nicht nur die erste und einzige Ausgabe des Magazins dieMotive im Jahr 2019 dort wohlwollend erwähnte und ich im letzten Jahr dort nochmal (in Interviewform) vorsprechen durfte: schön.
Nun gab es in der letzten Veröffentlichung dieses Blogs einen Beitrag von Franziska Leidig zur Montage einer Serie von Lewis Baltz. Allein der Name Baltz triggerte mich so sehr, dass ich dieses Buch mal wieder aus dem Regal nahm. Es ist ganz genau kein Fotobuch. Lewis Baltz hat ebenso viel geschrieben. Großartige Gedanken zur Fotografie und der Welt. Darin enthalten sind 24 Texte unterschiedlichster Inhalte. Unter anderem auch ein Text zu Waffenruhe von Michael Schmidt aus dem Jahr 1988. Darin enthalten sind großartige Sätze wie diese:
"Schmidt ist ein Künstler von proteushaft intellektueller Energie. Er ist außerdem ein Künstler des Fragments, der Komplexität, der Widersprüchlichkeit. Seine Arbeit ist stetig und wendig."
Toll, oder?
Im vorletzten Semester meines Masterstudiums belegte ich ein Seminar bei Dr. Christiane Kuhlmann, damals noch Leiterin des Kunsthauses in Essen. Und alles drehte sich um dieses Buch und Baltz selbst. Es wurde gelesen, besprochen, geschrieben und kritisiert. Mal war die vermeintlich einfache Aufgabe, einer selbst gewählten Person Lewis Baltz und sein Werk in einem Text zu beschreiben, mal einen Text des Buches zu kritisieren oder zu rezensieren. Ich hatte mich damals dafür entschieden, dem fünfjährigen Sohn eines Freundes Lewis Baltz zu beschreiben. Der Text war super. Ist aber verschwunden. Er war per Hand auf ein Blatt Papier geschrieben. Wahrscheinlich wird er irgendwann als Dachbodenfund für horrende Preise versteigert. So schön war der.
Das Buch von Baltz ist ebenso schön. Verlegt von Steidl unter Mitarbeit von Stefan Gronert. Aha. Kreise schließen sich. Das habe ich damals natürlich ignoriert, wer was wie wo macht und veröffentlicht. Kaum ein Text lässt sich hervorheben. Dafür sind sie zu unterschiedlich. Ich sollte damals den Text "Auf diese Dinge gibt es keine Antwort" rezensieren. Ein Text, der nur wenig mit Fotografie zu tun hat. Mehr mit Landschaft. Wer Baltz’ Arbeiten kennt, wird jedoch nach dem Lesen des Textes noch mehr verstehen, wie dieser Mensch denkt und arbeitet.
Eine Doppelseite des Buches TEXTE von Lewis Baltz
Ich schließe mit den Zeilen, mit denen ich damals den Text schloss:

„Das Frankenreich trennte sich von allem nicht-römischen/heidnisch-wilden und rückte das spätere Frankreich mehr an den Mittelmeerraum und die Schönheit der römischen Dekadenz. Diese Taufe ist in Ihrer Auswirkung bis heute sichtbar. So wurden in der Kathedrale nicht nur alle französischen Monarchen gekrönt, sondern es lassen sich auch alle französischen Präsidenten mindestens einmal vor der Kathedrale fotografieren. Laut Baltz ist die mit der Taufe einhergehende Abtrennung von allem Wilden bis heute Grundstein für das perfekte französische Konzept "La France, la belle France", welches sich kaum noch abstreiten lässt.
Wenn Baltz zum Ende seines Textes seine Intention offenbart mit diesen Beispielen darauf hinzuweisen dass die Transformation von Land zu Landschaft aus den Erfordernissen eines historischen Narrativ hervorgegangen ist, dann macht das sicherlich einiges klarer.“

Erschienen bei Steidl.

Eigene Sachen

Auf das neue Podcastformat mit Miriam Zlobinski und mir weise ich natürlich gerne noch einmal hin. Hier. Jeden zweiten Donnerstag. Und ja bald auch Live.

In den letzten beiden Episoden ging es einerseits um Fotobücher und ganz aktuell um Fotofestivals.
Du hast bis hierher gescrollt. Schön. Ich erinnere noch einmal an die Möglichkeit, dieMotive über STEADY zu unterstützen. Hilft. Immer.
Bis dahin,

Liebe Grüße

Alex



Feedback, Anmerkungen, Hinweise und Sonstiges bitte an info@diemotive.de
Dies war der achtzehnte Bulletin.
Der nächste erscheint. Bald. Im Juli.

Nun bleibt mir nur noch, mich ganz herzlich für die Aufmerksamkeit, die Zeit, die Rückmeldungen und die Begegnungen zu bedanken.

Wer in irgendeiner Form mit mir/dieMotive kooperieren möchte, soll sich gerne melden. Ich kooperiere gerne. Und sonst was Maude sagt: Menschen sind meine eigene Spezies, die mag ich.
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