KI, das Schweineschnitzel

C/O Berlin feierte 200 Jahre Fotografie mit einem kleinen Symposium: „200 Years and Counting". Eine Keynote von Kate Crawford, zwei Panels, ein Kurzfilmabend, Ausstellungsführungen, dazu die Möglichkeit, sich im Innenhof als Nassplatten-Collodium-Porträt festhalten zu lassen. Klingt großartig. War es auch, streckenweise. Und doch stand am Ende eine Frage im Raum, die an diesem Tag niemand wirklich gestellt hat oder stellen konnte: Was ist eigentlich mit uns, den Menschen, die mit und in der Fotografie leben? Seit 200 Jahren.


Ein Geburtstag, der mit der falschen Frage beginnt

Die Panels waren programmatisch überschrieben: „Looking Back" und „Looking Forward". Eine schöne Setzung, ein Geburtstag der Fotografie, der zurück- und vorausblickt. Nur beginnt das bei C/O Berlin dann seltsamerweise nicht mit der Fotografie, sondern mit künstlicher Intelligenz. Kate Crawford eröffnete den Tag mit einem Vortrag über die dunklen Seiten von KI: Material, Software, Ökologie, Kapitalismus, Verwertung. Brillant vorgetragen, keine Frage; ihr „Atlas" ist zu Recht gefeiert. Aber das fotografische Bild kam darin kaum vor, die Bildgenerierung mit KI schon gar nicht. Ein toller Vortrag am falschen Ort.
Warum beginnt ein Geburtstag der Fotografie mit einer Lecture über KI, ohne die Fotografie überhaupt zu thematisieren?
Das erste Panel, „Looking Back", moderiert von Steffen Siegel mit Michelle Henning, Susanne Kriemann und Ryan S. Jeffery, fand ebenso im angemieteten, kuscheligen Kinosaal des benachbarten Delphi-Kinos statt. Auf Englisch, konzentriert und entspannt zugleich. Ich gebe zu: Es flog etwas an mir vorbei. Vielleicht lag es an dem frühen Zug, den ich gebucht hatte, sechs Uhr morgens, um pünktlich zum Get-together zu erscheinen. Vielleicht aber auch daran, dass ich die ganze Zeit auf das wirkliche Zurückblicken gewartet habe. Warten und zuhören scheint nicht gut zu passen. Susanne Kriemann, deren wunderbar eigener Weg mit und in der Fotografie längst kein Geheimnis mehr ist und die ab September selbst bei C/O ausstellen wird ist hier ganz besonders hervorzuheben. Die Ausstellung schon vorher ein Tipp.
Beim zweiten Panel, „Looking Forward", saßen unter der vergnügt moderierenden Anika Meier die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout, der Künstler Armin Linke und Florian Ebner vom Centre Pompidou. Ein gut besetzter Tisch. Was sollte da schiefgehen? Fast Nichts.

Das Panel von C/O Berlin bei 200 Years and counting. Mit Anika Meier, Annekathrin Kohout, Florian Ebner und Armin Linke.
Das Panel von C/O Berlin bei 200 Years and counting. Mit Anika Meier, Annekathrin Kohout, Armin Linke und Florian Ebner. (v.r.n.l.)


Fotografie, why?

Vielleicht hilft ein Blick, den kein Panel gewagt hat. Möglich, dass wir schlicht akzeptieren müssen: Eine neue Bildform ist da, die unter kapitalistischen Bedingungen perfekt in die Zeit passt. Schneller, effizienter, günstiger. Man könnte es auch gedankenloser nennen. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber angesichts der Beschränktheit menschlicher Sprache, aus der diese Bilder ja größtenteils „geformt“ werden, naheliegend.
Die interessantere Frage bleibt: Warum haben wir, die Fotomenschen, unser Interesse überhaupt auf das Fotografische gelegt? Was ist die Einzigartigkeit, die wir der Malerei oder Illustration vorziehen? Vielleicht der Bruch zwischen Wirklichkeit und Abbild, den jedes fotografische Bild mit sich trägt, eine Spannung, die man fühlen, aber nicht beschreiben kann. Und warum wechseln Menschen von der Fotografie zur KI-Bilderschaffung? Wenn die Antwort Effizienz lautet, wäre ich enttäuscht. Meistens lautet sie aber genau so. Kein Zufall, dass die kommerzielle Fotografie am schnellsten von KI-Bildern überrannt wurde: Wer vor zehn Jahren noch seine Liebe zur Fotografie beteuerte und heute günstiger mit KI arbeitet, sieht dabei nicht gut aus. Nur bleibt offen, was eigentlich mit dem ganzen angeblich gesparten Geld und der Zeit passiert.


Das Fotografische wird zur Nebensache seiner eigenen Diskussion


Genau hier liegt das größere Problem: Die Diskussion über Fotografie wird zunehmend von einer anderen Technik vereinnahmt. Wir arbeiten nicht mehr an der Fotografie, wir setzen sie immer öfter ins Verhältnis zu etwas Neuerem und schwächen sie dadurch in jeder Form. Bleibt es also dabei, immer nur zu wiederholen, wie schlimm alles ist und wird? Oder können wir gerade jetzt mit mehr Selbstbewusstsein über das Fotografische selbst sprechen?
Eine ähnliche und mögliche Leerstelle findet sich in der aktuellen Photonews, in einem transkribierten Gespräch zwischen Kurator:innen, Galeristen, Art Buyern, einer Hochschulprofessorin und Fotobuchverlegern. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, Ausstellungen werden kaum besucht, Studierende fehlen, das wird dort erfreulich offen benannt. Eine gute Ergänzung zu den Vorträgen und Gesprächen bei C/O Berlin. Aber auch hier fehlt dieselbe Frage, die mir in fast jeder Debatte über den (angeblichen) Untergang der Fotografie und die KI fehlt: Was ist eigentlich mit den Menschen? Warum ist Fotografie nicht mehr interessant? Warum unterwandert künstliche Intelligenz jeden Bereich mit einem Fingerschnips? Und vor allem: Wie gehen wir Menschen damit um? Was müssen wir tun, die wir mit Fotografie arbeiten, leben und lieben? Welche Handlungsmacht haben wir und was sollten wir vielleicht lassen? Ein Blick zurück könnte ja helfen.
Nach Regulierung durch Gesetze zu rufen, wird daran wenig ändern; es verschiebt die Verantwortung nur wunderbar nach außen. Sollen sich andere darum kümmern.
Man kann gegen die industrielle Fleischproduktion demonstrieren und sich danach ein paniertes Schweineschnitzel bestellen. Ist halt billiger. Geht ja nicht anders.
Die größten Mahner sprechen öffentlich über die Gefahren von KI-Bildern, ökologisch, gesellschaftlich, die das Fotografische, und setzen sich danach an ChatGPT, um eine E-Mail beantworten zu lassen, bauen einen KI-Agenten oder erstellen ein neues KI-Bildchen. Oder noch schlimmer: Finden das alles wirklich total großartig. Was künstliche Intelligenz alles kann, wow. Dabei sind alle negativen Auswirkungen doch mittlerweile bekannt. Wir haben offenbar verlernt, über die Alternative zu sprechen. Dass es gerade nicht gut läuft, wissen wir längst. Zeit, entsprechend zu handeln. Die Dissonanzen werden zu groß.
Der Geburtstagsauftakt bei C/O Berlin und in der Photonews war gut und richtig. Jetzt braucht es einen zweiten Teil. Einen, der sich nicht mehr mit Technik und Systemen, sondern mit uns beschäftigt.
Ich bin immer sehr gerne bei C/O Berlin, eben wegen der Fotografie, der Ausstellungen und der Menschen, die man dort (wieder)trifft. Ähnliches gilt für die Photonews. Die KINEWS würde ich nicht abonnieren. Langweilig.