Überlegungen zur gesellschaftlichen Rolle professioneller Fotograf_innen

Im Rahmen eines Trends zur Illustration in den Massenmedien ist es seit den 1990er Jahren zu einer visuellen Vermassung der Welt gekommen. Bilder aus ganz unterschiedlichen Produktionszusammenhängen, wie der Werbefotografie, dem Fotojournalismus oder der privaten (Amateur-)Fotografie, sind allgegenwärtig und aufs Engste in unseren alltäglichen Medienkonsum eingebunden. Das Kommunizieren mit Bildern und über Bilder ist ein zentrales Element der Medienwelt des 21. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Rolle in diesem Gefüge den professionellen Fotograf_innen zukommt. Vor allem angesichts der Allgegenwart von technischen Apparaten – von Fotokameras über Handys bis hin zu Überwachungskameras – ist zu überlegen, was professionelle Bildproduzent_innen eigentlich noch von Amateur-Fotograf_innen unterscheidet. Meiner Ansicht nach ist ein wesentlicher Aspekt des Berufsbildes, neben technischer Präzision und ausgeprägten fotografischen Routinen, die Entwicklung einer Haltung als professionelle Bildproduzent_innen.

Der Begriff der Haltung

Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff der Haltung? Nähern wir uns ihm zunächst definitorisch mit einem Blick in die einschlägigen Nachschlagewerke an. Laut Duden ist Haltung eine „innere (Grund)einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt“.((URL: http://www.duden.de/suchen/dudenonline/haltung. [12. Juni 2018])) Es kann jedoch auch ein „Verhalten, Auftreten [sein], das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen“ wird.((Ebd.)) Somit hat die Haltung zwei Komponenten: zum einen eine Orientierung nach innen, also ein persönliches, ethisch fundiertes Konzept, und zum anderen eine Orientierung nach außen, die sich in den konkreten Handlungen niederschlägt. Aufschlussreich ist diesbezüglich auch die von der Online-Enzyklopädie Wikipedia veröffentlichte Definition in Bezug auf Haltung im Sinne einer Gesinnung, die von einer „auf ein Ziel gerichtete[n] Grundhaltung eines Menschen“ spricht.((URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Haltung. [12. Juni 2018])) Damit addiert sich zu den Orientierungen nach innen und außen auch eine Zielorientierung.

Eine Profession, die das Konzept der Haltung sehr stark verinnerlicht hat und es gleichzeitig immer wieder kritisch diskutiert, ist der Journalismus. Dort stehen sich bei dem Thema vor allem zwei Positionen diametral gegenüber: Während die einen hinter einer Haltung das Einfallstor für einen ideologischen Gesinnungsjournalismus vermuten, sehen die anderen darin ein Qualitätsmerkmal für den klassischen „objektiven“ Journalismus europäischer Tradition. So spricht die Journalistin Sonia Mikich in dem Sammelband Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert von Haltung als ein „Alleinstellungsmerkmal für interessanten, guten Journalismus“.((Seymour Mikich, Sonia: Sind wir Putzerfische? In: Weichert, Stephan A. / Kramp, Leif / Jakobs, Hans-Jürgen: Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert, Göttingen 2010, S. 89.)) Der Publizist Jakob Augstein legt sich in einem Streitgespräch mit Giovanni di Lorenzo im Magazin Medium darauf fest, dass es „keinen guten Journalismus ohne Haltung“geben kann.((Milz, Annette/Kastner, Daniel: Haltung Bitte! Giovanni di Lorenzo und Jakob Augstein im Streitgespräch. In: Medium Magazin 04+05/2010, S. 2022.)) Und der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen spricht in einer Laudatio für eine Preisverleihung an der Hamburger Akademie für Publizistik gar von Haltung als „Ethik in Ich-Form“.((Pörksen, Bernhard: Haltung im Journalismus ist Ethik in Ich-Form, 25. Februar 2011. URL: https://www.evangelisch.de/inhalte/103822/25-02-2011/haltung-im-journalismus-ist-ethik-ich-form. [12. Juni 2018]))

Zur Haltung werden von den genannten Autor_innen dabei so unterschiedliche Merkmale gezählt wie moralische Grundsätze, professionelle Kompetenzen in Recherche und Stil und Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl und der Demokratie. Hier scheinen zum ersten Mal Aspekte auf, die eine Operationalisierung des Begriffs Haltung ermöglichen, ohne diese einer bestimmten politischen Einstellung zuordnen zu müssen. Während moralische Grundsätze und eine Verantwortung gegenüber der Demokratie eher auf die Rolle von Journalist_innen in der Gesellschaft abheben, zielen die professionellen Kompetenzen auf die Ausgestaltung transparenter Regeln und nachvollziehbarer Arbeitsprozesse, denen sich der Journalismus verpflichtet hat. Dadurch, dass diese mit Selbstregulierungsmechanismen wie dem Deutschen Presserat verknüpft sind, ermöglichen sie dem Publikum sowie dem Kolleg_innen-Kreis das Einnehmen einer Kontrollfunktion.

Fotografie als Profession

Kommen wir nun zur Fotografie. Professionelle Bildproduzent_innen sind Menschen, die mit der Kamera die Welt beobachten und das Fotografieren zu ihrem Beruf gemacht haben. Sie finden sich in vielen Bereichen, so beispielsweise in der Porträt-, der Werbe- und Reisefotografie, in der künstlerischen Fotografie oder im Fotojournalismus. Immer öfter finden sich Mischformen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Fotograf_innen Standbeine in vielen verschiedenen Bereichen haben, um dem ökonomischen Druck standhalten zu können, was einen Spagat auf vielen Ebenen bedeutet. Die professionelle Fotografie steht dabei immer in einem Spannungsverhältnis zwischen der (kritischen) Dokumentation und Beschreibung gesellschaftlicher Zustände einerseits sowie der Reproduktion und Festschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse andererseits.

So orientiert sich beispielsweise die Werbefotografie – leider allzu oft sehr klischeehaft – an gesellschaftlichen Rollenbildern. Durch das reproduktive Abbilden trägt sie dazu bei, diese Rollenbilder zu verfestigen, da diese nur selten aufgebrochen werden. Dabei soll nicht grundsätzlich gefordert werden, dass Werbefotografie per se die Gesellschaft in Frage stellen muss. Professionelle Bildproduzent_innen müssen sich jedoch bewusst darüber sein, warum sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten bestimmte Dinge tun und andere lassen. Ähnliches gilt auch für die Fotojournalist_innen. Durch ihre Thematisierung gesellschaftlicher Zustände legen sie Wertigkeiten fest und strukturieren unsere Blicke und unsere Wahrnehmung. Auch sie müssen sich fragen lassen, warum sie bestimmte Themen bearbeiten, in wessen Auftrag sie handeln und wie sie welche gesellschaftlichen Akteure in Szene setzen.

Bewusstes bildnerisches Handeln

„Haltung ist wichtiger als Stil“, postulierte René Burri, einer der Altmeister der Fotografie, in einem Interview für die österreichische Tageszeitung Der Standard und legte damit klar eine Rangordnung fest.((Schurian, Andrea: René Burri: Haltung ist wichtiger als Stil, 17. Januar 2014. URL: http://derstandard.at/1389857464337/Rene-Burri-Haltung-ist-wichtiger-als-Stil. [12. Juni 2017])) Wobei sich für andere Fotografen, wie beispielsweise Andreas Herzau, Haltung insbesondere im Bildjournalismus durchaus auch in einem eigenen Stil zeigen kann.((Herzau, Andreas: Der interessanteste Beruf der Welt ist Bildjournalist, Vortrag an der FH Dortmund 2012. URL: http://blog.andreasherzau.de/einer-der-interessantesten-berufe-der-welt-ist-bildjournalist/. [12. Juni 2018])) Dabei sind beide Positionen auch miteinander vereinbar, denn Haltung bedeutet erst einmal nichts anderes als bewusstes bildnerisches Handeln: Ein Handeln im Bewusstsein möglicher Konsequenzen, welche die Produktion, Distribution und Publikation von Bildmaterial nach sich ziehen kann. Um dieses Bewusstsein erlangen zu können, sind ein umfangreiches Bildwissen und eine ausgeprägte Bildkompetenz, vor allem hinsichtlich ikonografischer Traditionen und aktueller Bilddiskurse, von großer Bedeutung. Wer im 21. Jahrhundert professionell Bilder produziert, muss wissen, dass er ein Terrain betritt, welches von jahrhundertealten Traditionen des Sehens und Gestaltens präpariert wurde.

So kristallisiert sich eine Haltung in einer reifen und gefestigten (Fotograf_innen-) Persönlichkeit mit unterschiedlichen, klar umrissenen Kompetenzen. Dies hat primär erst einmal nichts mit Alter oder Erfahrung zu tun, sondern mit der Bereitschaft, sich dem Thema zu stellen und offen für Selbstreflexion und -kritik zu sein. Anknüpfend an die Operationalisierung des Begriffs Haltung im Journalismus und über das Bildwissen um ikonografische Traditionen und Bilddiskurse hinaus, zeigt sich eine Haltung in klar umrissenen, nachvollziehbaren und ethisch begründeten professionellen Routinen. Dies schließt auch die Formulierung von Grenzen mit ein, wann und warum bestimmte Bilder vielleicht nicht entstehen oder mit bestimmten Kunden oder Akteuren nicht kooperiert wird.

Räume zur Reflexion

Eine Haltung kann am Ende eines (Lern-)Prozesses stehen, gleichzeitig hat sie aber auch selbst etwas Prozesshaftes. In jedem Fall sind für ihre Entwicklung Zeit und ein geschützter Raum vonnöten, in dem sie sich entfalten kann. Wo diese Räume entstehen, sei es im Studium, am Fotografenstammtisch oder im Privaten, ist dabei zweitrangig, solange ein Transfer auf eine Metaebene und ein Abstand zum Berufsalltag möglich ist. Aber genau hier liegt die Schwierigkeit, da es nur sehr wenige geschützte Räume gibt. Selbst die Ausbildungsstätten für Fotografie tun sich bis heute schwer mit dem Thema. Und im professionellen Alltag sind geschützte Räume sehr rar. Standesorganisationen und Verbände könnten dafür ein Ort sein, aber zum einen haben diese angesichts der Vereinzelung der Akteure auf dem entgrenzten Bildermarkt immer stärker mit Nachwuchssorgen zu kämpfen, zum anderen beklagen sie, dass mit diesen Themen niemand hinter dem Ofen hervorzulocken ist.

Dies hat vor allem damit zu tun, dass Haltung und Ethik bis heute oft als ein Luxus oder als ein „Nice-To-Have“ Aspekt abgetan werden, vor allem dann, wenn es über den Bereich des Fotojournalismus hinausgeht, in andere Sphären der professionellen Fotografie. Genau hier setzt der Kommunikationsethiker Prof. Claus Eurich mit seiner Forderung an: “Ich halte Authentizität und Klarheit, wie ich etwas kommuniziere und was ich mache und was nicht, auch für ein Markenzeichen. Das ist Teil des Marktwertes, ein qualitatives Zeichen“.((Im Gespräch mit dem Autor in einem Interview für den Berufsverband freier Fotografen und Filmgestalter (BFF) für das BFF Magazin 2017.)) Insofern ist es durchaus denkbar, eine klar kommunizierte Haltung auch zu einem Alleinstellungsmerkmal und zu einem Markenzeichen zu machen und damit Ethik und Ökonomie miteinander zu verbinden. Hier zeigt sich erneut, dass Haltung kein statisches Gebilde oder Konstrukt ist, sondern eine Einstellung, der man sich immer wieder bewusst werden muss und die auf unterschiedliche Weise in die eigene Arbeit integriert werden kann. Nur wenn dies beherzigt wird, kann die professionelle Fotografie ihrer besonderen Rolle in der Gesellschaft gerecht werden und sich dauerhaft von der Amateurfotografie abgrenzen.

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