Kaum zu glauben, Axel Wehrtmann verlässt die FH-Dortmund und geht in den Ruhestand.
Diejenigen, die nicht an der FH-Dortmund Fotografie studiert haben, werden mit diesem Namen leider nicht viel verbinden. Der Rest schaut mit großer Wehmut auf eine der wichtigsten Personen der Fotografielehre der letzten 30 Jahre. Er lehrte schließlich ganze 65 Semester am Fachbereich Design der FH-Dortmund. Länger ist wahrscheinlich niemand dort. Außer Bernd Dicke vielleicht.

Der Treppenwitz seines Lehrauftrages ist, dass in seiner langen Lehrzeit (quasi im Vorbeigehen) ein fotografisches Werk entstanden ist, welches jede Ausstellungshalle weltweit problemlos füllen und dessen Ausmaß, Stringenz und gleichzeitige Diversität andere Fotoarbeiten in den Schatten stellen könnte. 

Die Eier. Genau. Eier.

Jeder Student hat mindestens einmal Varianten eines Hühnereis fotografiert. Weißes Ei auf weißem Grund, schwarzes Ei auf schwarzem Grund. Und natürlich unzählige Variationen mit anderen Eiern, Farben, etc. Inklusive des obligatorischen SW-Handabzugs.

Ein weißes Ei auf weißem Grund
Eins der vielen weißen Eier. Leider nur Note 3. Foto: Marina Weigl (Headerbild ebenfalls)

In wievielen Wohnungen ein Exemplar dieser rein technischen Aufgabe hängt, lässt sich kaum schätzen. Es gab schon oft Überlegungen, diese Fotos zu sammeln und daraus eine riesige Ausstellung zu machen. Vielleicht klappt es ja jetzt, wenn keine Eierfotos mehr produziert werden.

Dabei war der studierte Fotoingenieur Axel Wehrtmann „nur“ Lehrender im Bereich der Fototechnik. Eine Professur stand leider nie zur Debatte. Die Bereiche Konzeption, Gestaltung, (Medien-)Theorie und Wissenschaft waren ebenfalls anderen Lehrenden vorbehalten. 

Das führte gleichzeitig dazu, dass jeder Fotostudent sein Studium nicht ohne Axel Wehrtmann bestreiten konnte.
Welch ein Glück. 

Zentimeterdicke Skripte

Was er lehrte, war nicht einfach Fototechnik, es war die Basis und der Nährboden für jeden Studenten in den ersten zwei Semestern. Man musste ihm nur zuhören. Oder die beiden gefürchteten, streng geheimen Skripte lesen, die wahrscheinlich immer noch in jedem zweiten Schrank oder als PDF auf vielen Festplatten liegen. Ausgedruckt waren sie jeweils mehrere Zentimeter dick und gefüllt mit Wissen zur fotografischen Technik von 1938 bis zum heutigen Tag. Selbst geschrieben und erarbeitet von Axel Wehrtmann persönlich. Was immer wieder mit dem Hinweis einherging, diese Skripte nicht weiterzugeben. Ich glaube, es hat sich fast jeder daran gehalten.

Zu beiden Skripten gab es eine Prüfung. Einmal im ersten Semester und einmal im zweiten Semester. Rückblickend waren es die einzigen Prüfungen im klassischen Sinne. Alles versammelte sich in der großen Aula und wartete mit schweißnassen Fingern auf die Ausgabe der Multiple-Choice-Fragen. Die Wochen vor den beiden Prüfungen waren geprägt von Wahnsinn und einer Unzahl an selbst erstellten Lernkarten. Wahrscheinlich könnte man aus allen Lernkarten der letzten 30 Jahre ein riesiges Fototechnik-Kompendium erstellen. Es wäre fehlerfrei. 

Schon bei diesen Prüfungen zeigte sich, wie groß Axel als Mensch war. Angeblich saß er auch manchmal mit dem Rücken zu den Studenten in der Prüfung oder ging unter einem Vorwand raus, damit Werner Thiel, der Werkstattleiter, die Aufsicht übernehmen konnte. Dieser kam meist irgendwie zu spät. Aber das sind nur Geschichten. Genau weiß man das alles nicht.

Mit dem Quadrat der Entfernung

Innerhalb der ersten zwei Semester eine solche Fülle an Technikfachwissen in die Studenten zu pumpen, gleicht dabei eher einer Sisyphosaufgabe. Wissen wollte das alles nämlich fast niemand unter den Studenten. Alle wollten einfach fotografieren und gesagt bekommen, wie man das genau macht. Wer sich wirklich die Mühe machte, die Skripte zu verstehen und nicht einfach Eckdaten für die Prüfung auswendig lernte, der hätte hinterher Kameras und Objektive berechnen und bauen können. Auch aus Pappe. Manche habe das sogar getan. 

Was man heute einfach als Filter über ein beliebiges Foto legen kann, konnte nach dem Studium bei Axel Wehrtmann genau benannt und erklärt werden. Jede Möglichkeit des technischen Fehlers errechnet und wiederholbar gemacht werden. Einige der wichtigsten Grundlagen für jede Fotografenlaufbahn konnte man in den ersten Semestern bei Axel Wehrtmann lernen. Warum ist welches Objektiv wann am schärfsten oder wie produziere ich eine bestimmte und gewollte Unschärfe. Und einer der wichtigsten Sätze für jeden Fotografen auf der ganzen Welt war nur ein Ohrenöffnen entfernt: „Licht nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab.“ Ich habe diesen Satz während meiner Zeit als Fotoassistent allzuoft wiederholen müssen, denn viele Fotografen kommen (meiner Erfahrung nach) leider viel zu oft nur durch reinen Zufall oder stundenlanges Rumprobieren zu einem Ergebnis. Es ist so einfach und lässt sich, einmal verstanden, in jeder Situation einsetzen. Etwas anderes Grundlegendes war die Info zu „weichem“ und „hartem“ Licht. Große Leuchtfläche = weich, kleine Leuchtfläche = hart. Wer diese zwei Grundsätze (oder die noch wichtigere Kombination daraus) verstanden hat und damit umzugehen weiß, ist vielen Fotografen auf diesem Planeten einen Riesenschritt voraus.

Legenden und ein offenes Ohr

Dabei stellte Axel Wehrtmann die Technik nie über den Inhalt. Zeit meines Studiums war er immer die Person, die sich bewusst zurückgenommen hat und die Technik genau als das gesehen hat, was sie ist: Mittel zum Zweck. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hatte man etwas Bestimmtes vor oder wollte man als Student ein konkretes technisches Problem lösen: Axel Wehrtmann hatte ausnahmslos ein offenes Ohr. Auch wenn er zwischendurch mit vielen Studenten hart ins Gericht ging, wenn sie zu spät kamen, schlechte Ausreden hatten, wenn sie versuchten, technische Aufgaben zu umgehen oder gar zu betrügen. Während die anderen Lehrenden gerne etwas despektierlich auf Axel schauten, nahm er sich selten zu wichtig und hatte durchgehend nur das Wohl der Studenten im Blick. 

Axel Wehrtmann bei seiner Verabschiedung. Foto: Marc Hinz

Kaum ein Student der ihn nicht mochte. Den Birkenstock tragenden (laaaange bevor das irgendwie Mainstream wurde) Erbsenzähler mit dem grauen Krausebart und dem leichten Lächeln auf den Lippen. Jeder Student hat seine eigene Axel Wehrtmann-Geschichte. Eine riesige WG-Party? Einziger Lehrender vor Ort: Axel Wehrtmann. Skurrile Browserfenster, die sich während einer Präsentation öffnen? Axel Wehrtmann. Ein Tablett mit Teekanne und Tassen immer und überall? Axel Wehrtmann. Das Kaffeetrinken hat er sich nach einem Herzinfarkt fast abgewöhnt. Das Rauchen zeitweise auch. Zumindest ganze acht Jahre lang. Es ranken sich Legenden um seine Feind- und Freundschaft mit dem Werkstattleiter Werner Thiel. Mal redeten sie kein Wort miteinander, dann wurde erzählt, der Eine sei des Anderen Trauzeuge. Er gehört noch heute zu den wenigen, die einem immer noch zum Geburtstag gratulieren. Und sei es nur auf Facebook.

Es mag Ähnliches an den anderen Hochschulen in Deutschland geben. Jemanden, der ähnlich versiert und gebildet im Bereich der Fototechnik sein Wissen teilt. Dass sich eine Hochschule in einem Studiengang einen Lehrenden leisten kann, der ein solch unglaublich spezifisches Grundlagenwissen mitbringt und dieses auch vermitteln kann, ist jedoch selten. Die Hochschule täte gut daran, einen ebenso kompetenten wie erfahrenen Nachfolger einzustellen. Es dürfte eine der schwierigsten Aufgaben werden, die Lücke zu füllen, die nach seinem Weggang entstehen wird. Es sind nicht einfach Fußstapfen in die man tritt, es sind riesige Krater. Axel Wehrtmann hat immer mit voller Überzeugung und Enthusiasmus gelehrt, ohne die anderen wichtigen Dinge in diesem Studium aus den Augen zu verlieren. Und ein Lächeln hat man von ihm mehr als häufig bekommen. Meist war es ein wohlwollendes. 

Alles Gute, Axel. Du warst der liebenswerteste und wichtigste Erbsenzähler dieses Studiengangs.

No Comments Yet

Comments are closed