Vernissage
José María Sert – Études photographiques

José María Sert – Études photographiques
Der heute weitgehend in Vergessenheit geratene spanische Dekorationsmaler José María Sert (1874 – 1945) zählte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den schillerndsten und bestbezahlten Künstlerfiguren seiner Zeit. Seine phantasievoll-opulenten, an der italienischen Kunst des Cinquecento orientierten Ausgestaltungen luxuriöser Privatvillen und öffentlicher Gebäude machten ihn zu einem Liebling der Pariser und New Yorker Haute Volée. Künstlerisch ausgebildet im Betrieb seines Vaters, einem Gobelinfabrikanten, zog er mit Mitte zwanzig in die französische Hauptstadt und richtete sich dort ein Atelier ein. Sert heiratete Misia Godebska, Muse und Modell zahlreicher namhafter Künstler, und pflegte enge Beziehungen zu Schriftstellern wie Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, Paul Valéry, Colette und Paul Claudel. Seine Kontakte zu berühmten Persönlichkeiten und zur Aristokratie brachten ihm lukrative Aufträge ein. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen die Ausgestaltung der Kathedrale von Vic in Katalonien und des Palais des Nations in Genf (heute europäischer Sitz der Vereinten Nationen) sowie Gemälde für das Rockefeller Center und das Waldorf Astoria Hotel in New York.
Erst Mitte der 1980er-Jahre wurde sein fotografisches Œuvre entdeckt und damit offenbar, dass sich der Künstler bei der Konzeption seiner Wandgemälde intensiv der Kamera bediente: Unter Zuhilfenahme verschiedener Requisiten und bühnenartiger Konstruktionen inszenierte er seine Modelle – darunter weibliche und männliche Akte - in seinem Atelier, lichtete sie ab und übertrug die Aufnahmen in seine Malerei. Ausgestopfte Tiere, Schiffsmodelle und Muscheln, arrangiert zu höchst eigenwilligen Stillleben, erweiterten seine Motivwelt. Seit Ende der 1920er-Jahre arbeitete er bevorzugt mit Gliederpuppen, die, betrachtet durch das Objektiv seiner Kamera und angesiedelt irgendwo zwischen den dramatischen Posen des Manierismus und den leblos-lebendigen Figurinen des Surrealismus, ein merkwürdiges Eigenleben entwickeln. Darin wie auch in der eigentümlichen Konfrontation der jahrhundertealten Sujets mit der Modernität seines fotografischen Zugriffs liegt der Reiz der Aufnahmen Serts.
Darüber hinaus bestechen die aus dem Nachlass Gerd Sanders stammenden Vintage Prints durch ihren charmanten Objektcharakter. Teils von Hand überarbeitet und um Details ergänzt, mit Quadratnetzen zur maßstabsgetreuen Übertragung in die Malerei versehen und die eine oder andere Atelierspur aufweisend, verleugnen sie nicht ihre ursprüngliche Funktion als Arbeitsmaterial des Künstlers. Die unikaten Abzüge waren 1996 im Georg Kolbe Museum in Berlin ausgestellt und werden nun erstmals wieder präsentiert.
