Talisa Lallai – AUTOSOLE

Die eigene Erfahrung des Reisens beginnt im Auto meiner Eltern. Urlaubsreisen waren Autoreisen und damit ging immer auch eine eigene visuelle Erfahrung von Urlaub einher. Bis heute bedeutet Urlaub für mich, aus dem Fenster zu schauen und die Veränderung von Flora, Licht, Farbe und der Geografie zu beobachten. Auf Zugreisen führt dies regelmäßig dazu, dass ich stundenlang einfach aus dem Fenster schaue und die Gedanken so weit schweifen lasse, dass ich die Zugfahrt vergesse.

Talisa Lallai ist auch gereist. Vom Gardasee ausgehend folgte sie dem historischen Vorbild der Grand Tour[1]https://www.hatjecantz.de/grand-tour-5653-0.html bis nach Apulien (Puglia) im Süden Italiens. Ein Verweis auf die „italienische Reise“ Goethes ist naheliegend, jedoch macht Lallai nicht den Fehler, ihre Reise einfach nach diesem Vorbild fotografisch zu illustrieren oder zu beschreiben. Thomas Seelig[2]Leiter der fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, Essen formuliert das in seinem einleitenden Text am Anfang des Buches ebenfalls sehr vorsichtig: „Die Künstlerin situiert ihr Werk im Windschatten der historischen Reiseerzählungen und bewegt sich auf ihrer Route gen Süden entlang der in der Literatur verzeichneten Orte“.
Damit könnte das Wichtigste schon gesagt sein und doch hat das Buch ein solch bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich zum ersten Mal darüber nachdenke, im Sommer nicht an die französische Atlantikküste zu fahren.

Sind in den bekannten und (meist auch zurecht) gehypten Fotobüchern entweder soziale, gesellschaftliche, politische und (selbst-)reflektierende Themen und Fragestellungen offensichtlicher Ausgangspunkt für die künstlerische Praxis, so ist in diesem Buch jede dieser Fragestellungen auf subtile Weise vorhanden ohne eines dieser Themen offensichtlich vor sich her zu tragen. Auch auf der Webseite der Künstlerin oder des Verlags findet sich kein Hinweis auf die künstlerische Motivation zu dieser Arbeit. Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit Italiens sowie der Künstlerin lässt sich als eventuelle Motivation der Reise ausmachen, schwingt als untergeordnetes Thema jedoch mit und gibt dem Buch den nötigen ernsthaften Unterbau.

Die Gestaltung ist einfach und wirkungsvoll. Gelbes Softcover mit schwarzem Titel und dem Namen der Künstlerin. Der Titel Autosole ist scheinbar eine verkürzte Form der Autostrada del Sole[3]Die Autobahn A1 von Mailand nach Neapel. Im Buch finden sich 87 Fotografien, nie mehr als zwei Bilder auf einer Doppelseite, wenn, dann sind sie deutlich als Dyptichon zu erkennen. Mit zwei Ausnahmen sind Hochformate immer ganzseitig und nur in wenigen Fällen mit Rand gedruckt, Querformate mittig auf der Seite mit Rand oder ganzseitig als Doppelseite. Keine gestalterischen Spielereien mit übereinanderliegenden oder angeschnittenen Fotos, clusterartigen Bildanordnungen oder unzähligen Bildgrößen. Nichts, was der Ruhe der Fotografien entgegenwirken könnte.

Man folgt Talisa Lallai ganz selbstverständlich auf Ihrem Weg gen Süden, bleibt aber genauso bei jedem Stop mit ihr stehen.

Ein hervorragendes Editing in Kombination mit der zurückhaltenden Gestaltung von Thomas Spallek sind der Hauptgrund für ein subtiles Narrativ, welches sich, getragen von den einzelnen Fotos, beim Durchblättern zu einem wohligen Gefühl der Wärme und des Fernwehs entwickelt. Die Abfolge der Fotografien richtet sich streng nach Reiseroute, was zur Folge hat, dass den Einzelbildern ihre nachvollziehbare zeitliche und geografische Verortung erhalten bleibt. Man folgt Talisa Lallai ganz selbstverständlich auf Ihrem Weg gen Süden, bleibt aber genauso bei jedem Stop mit ihr stehen. Es wäre nur schwer zu erraten, weshalb im hinteren Buchteil vermehrt Palmen in den Fotos zu sehen sind, wenn Ihr Weg und mit ihm die Bildabfolge nicht so gradlinig ausgefallen wäre. Einzig die stark stilisierte schwarze Reiseroute auf dem roten Papier, am Anfang des Buches, lässt erahnen, dass Lallai am Ende Ihrer Reise einen großen Bogen zurück nach Neapel gefahren ist. Wer in diesem Fotobuch sonstige Dokumente wie Karten, Pässe, Stempel oder Quittungen sucht, dürfte enttäuscht werden.

Es ist eine kurze Pause, ein Luftanhalten das im gleichen Atemzug sagt: „Komm, steig ein, es geht weiter!“.

Den Hauptteil bilden Fotografien und Ortsnamen, die gleichsam als Bildtitel dienen. Grotte di Catullo, Sirmione, Lombardia ist nicht nur das Einstiegsbild in dieses Buch, es bezeichnet auch den visuellen sowie geografischen Start dieser Reise. Bis ins tiefste Schwarz verschattete Felswände rahmen den freien Blick auf einen entfernten Horizont aus blauem Meer, dünnem Strandstreifen und aufsteigender Küste. Nur selten bricht Lallai aus der Zentralperspektive aus, um Ruinen, einzelne Statuen oder verwitterte Gärten zu fotografieren. Dabei bleiben die Schatten tiefschwarz und auch wenn die Sonne nicht scheint, ist die einladende Wärme in den Fotografien ein konstanter Reisebegleiter.
Man schaut durch jede Form des Rahmens auf das offene Meer, betrachtet die sonnenbestrahlte Flora, sieht verwundert auf einen weggeworfenen Frappé-Becher herab oder wird von einer zerbrochenen Wassermelone überrascht. Ein einziges Mal lässt der Blick ab von den beiläufigen Stilleben und geht gen Himmel.
Bagnaia, Lazio zeigt einen Schwarm Vögel vor blauem Himmel von links nach rechts ziehen. Geografisch ist es nahezu die Mitte der Reise und auch im Buch befindet sich das Foto fast in der Mitte. Es ist eine kurze Pause, ein Luftanhalten das im gleichen Atemzug sagt: „Komm, steig ein, es geht weiter!“.

Dabei habe ich mir schon nach den ersten Seiten gewünscht, auf dieser Reise ganz Still neben Talisa Lallai auf dem Beifahrersitz zu sitzen und sie dabei zu beobachten wie sie immer wieder anhält, aussteigt, die Kamera aufstellt, wartet um dann eins dieser wärmenden Fotos zu machen.

Das Buch ist erschienen im Verlag für moderne Kunst. Es kostet 25 €.

  • HERAUSGEBER Talisa Lallai
  • TEXT Thomas Seelig
  • DESIGN Thomas Spallek
  • Sprache Deutsch/Englisch
  • DETAILS Paperback, 178 Seiten, 21 x 15,5 cm, 87 Abb. in Farbe
  • ISBN 978-3-903320-98-7

Fußnoten

1 https://www.hatjecantz.de/grand-tour-5653-0.html
2 Leiter der fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, Essen
3 Die Autobahn A1 von Mailand nach Neapel
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